Empathie: Menschen und Gruppen besser verstehen

Empathie: Definition und Bedeutung im Leben und Beruf

Definition: Empathie ist die Fähigkeit (und Bereitschaft), sich treffsicher in die Gedanken- und Gefühlswelt anderer Menschen hineinzuversetzen und auf dieser Grundlage das Verhalten von Menschen oder Gruppen (Teams, Organisationen) zu antizipieren. Empathie steht in einem engen, empirisch belegten Zusammenhang mit dem Erfolg im Leben und Beruf (Angaben zur Validität und Reliabilität befinden sich am Ende dieser Seite).

Empathie: Definition, Test, Empathiefähigkeit 

Abbildung: Emotionale, mentale (kognitive) und soziale Empathie

Diese Fähigkeit, das Verhalten anderer Menschen oder eines Teams zu verstehen und zutreffend vorherzusagen ist eine wichtige Kernkompetenz in vielen Berufen und gilt als die wichtigste Managementkompetenz. Was Kunden, Mitarbeiter oder Partner wirklich denken und fühlen, und welche Absichten sie haben, ist nur selten offensichtlich. Eine direkte Frage nach den „wahren“ Motiven und Beweggründen ist auch problematisch. Hier hilft nur Empathie. Deswegen sagt der Volksmund: Empathie ist das wichtigste Erfolgsgeheimnis im Umgang mit anderen Menschen und ist ein wichtiger Bestandteil der Emotionalen Intelligenz. Oder anders ausgedrückt: Mit Empathie geht alles einfacher und schneller.

Was ist Empathie, wie kann man sie „messen“ und begreifbar machen? Der nachfolgende Test soll zu einem besseren Verständnis des Mythos Empathie beitragen.

>> Empathie-Test (Ausprägung verschiedener Empathiefähigkeiten) – Link zum Test

Empathie Test: Kurzbeschreibung

Mit der Entdeckung der Spiegelneuronen durch Giacomo Rizzolatti im Jahr 1992 erhielt das Thema Empathie ein wissenschaftliches Fundament. Dennoch ist es bis heute ein schwer fassbares Phänomen. Um so wichtiger ist es, diesen Begriff zu operationalisieren und „messbar“ zu machen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass philosophische, psychologische oder esoterische Vorstellungen zu einer verschwommenen Gefühlsduselei vermischt werden.

Nur so ist es möglich, Empathie als erlernbare Kompetenz (Empathiefähigkeit) zu begreifen und zu trainieren. Dieser Empathie-Test beruht auf Erkenntnissen aus der Entwicklungs- und Evolutionsforschung. Empathie besteht aus drei Kernkompetenzen (emotionale, kognitive und soziale Empathie). Fehlende Empathie kann bedeuten, dass die einzelnen Teil-Kompetenzen bei jedem Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt sind und sie „aneinander vorbei reden“ und Konflikte bekommen. Mit diesem Test ermitteln Sie Ihr Profil der Teilkompetenzen der Empathie im Vergleich zu den rund 5.000 anderen Teilnehmern an diesem Test.

Die drei Arten der Empathie

Kognitive, emotionale und soziale Empathie Die emotionale Empathie wird auch als emotionale Sensitivität bezeichnet. Sie macht es möglich, das gleiche zu fühlen wie andere Menschen (Mitgefühl). Hinzu kommen Merkmale wie emotionale Ansteckung (Stimmungsübertragung) und Hilfsimpuls. Emotionale Empathie ist eine nahezu „automatische“ Reaktion auf die Gefühle Anderer. Ein Beispiel eine Mutter, die bis zu acht verschiedene Tonlagen ihres schreienden Babys unterscheiden kann und nahezu „automatisch“ auf jede Tonlage anders (zutreffend) reagiert. Betroffenheit allein ist kein zuverlässiges Anzeichen von Empathiefähigkeit. Die emotionale Empathie macht es möglich, sich in die Gefühlswelt anderer Menschen hineinzuversetzen. Das ist besonders wichtig, wenn es darum geht, vertrauensvolle, gut „funktionierende“ zwischenmenschliche Beziehungen zu schaffen. Emotionale Empathie stärkt den Zusammenhalt.

Das wichtigste Merkmal der kognitiven Empathie ist die Fähigkeit, nicht nur die Gefühle, sondern auch die Gedanken, Absichten und Motive anderer Menschen zu verstehen, um auf ihr zukünftiges Verhalten schließen zu können. Dazu gehört auch die Fähigkeit, indirekte oder nonverbale Botschaften (Körpersprache) korrekt zu entschlüsseln. Bei manchen Menschen ist dieses „Gespür“ sehr schwach ausgeprägt. Diese fehlende Empathie macht sie „blind“ dafür, was sie mit ihren Worten oder Taten bei anderen Menschen anrichten können. Damit machen sie sich das Leben unnötig schwer. Die Fähigkeit der zuverlässigen Einschätzung der Folgen eigener und fremder Entscheidungen und Gefühle stärkt das Verantwortungsbewusstsein und fördert eine erfolgreiche vorausschauende Planung.

Die dritte Teilkompetenz der Empathiefähigkeit ist die soziale Empathie oder Empathie auf Ebene der Organisation nach Daniel Goleman. Sie macht es möglich, das Verhalten komplexer Systeme zu verstehen und zu beeinflussen. Ein Beispiel ist das Verhalten einer Fußballmannschaft im nächsten Spiel. Ein Team verhält sich grundsätzlich anders als einzelne Personen. Daniel Goleman bemerkte dazu: „teams are cauldrons of bubbling emotions“.  Noch komplexer sind Unternehmen und andere Organisationen.

Zur sozialen Empathie gehört auch die Fähigkeit, sich spontan und intuitiv „richtig“ auf Menschen mit äußerst unterschiedlichen charakterlichen Eigenschaften aus verschiedenen sozialen Schichten, Altersgruppen oder Kulturen einzustellen. Im Falle eines Unternehmens muss ein Geschäftsführer in der Lage sein zutreffend abzuschätzen, wie sich eine Entscheidung über alle Hierarchieebenen hinweg auswirken wird. Diese Fähigkeit nennt man auch „Executive Intelligence“ (siehe die Studien von Menkes und Nohira).

Erfolgreiche Teamleiter oder Trainer haben oft ein intuitives „Gespür“ dafür, wie sie den Teamgeist fördern können (siehe dazu den Test der Teamfähigkeit, mit dem man das Zusammenspiel verschiedener Aufgaben und Rollen im Team erfassen kann). Mit dem hier vorgestellten Empathie-Test ist es nun möglich, die Empathie auf Ebene der Organisation (nach Goleman) zu messen (siehe dazu die Gütekriterien weiter unten).

Empathie und Motivation

In zwischenmenschlichen Beziehungen kommt es häufig vor, dass man anderen Menschen fehlende Empathie unterstellt. Dies kann daran liegen, dass eine Person eine besonders stark ausgeprägte emotionale Empathie hat, während die andere die soziale Empathie besonders gut beherrscht. So kann es zu Missverständnissen und Enttäuschungen kommen. Man sollte nicht voreilig von fehlender Empathie sprechen, sondern zuerst (zum Beispiel mit diesem Empathie-Test) prüfen ob die betroffenen Personen „die gleiche Sprache sprechen“. Die Empathie die man selbst bevorzugt, hat einen großen Einfluss darauf, wie wir andere Menschen wahrnehmen. Paul Watzlawick hat dieses Phänomen besonders eindrucksvoll beschrieben. Wenn Sie wissen wollen, was andere Menschen (und Sie selbst) antreibt, und welche Motive dahinter stecken, sollten Sie unseren Test der Quellen der Intrinsischen und Extrinsischen Motivation durchführen.

Fazit: Emotionale Empathie braucht man für die Gestaltung vertrauensvoller zwischenmenschlicher Beziehungen. Ohne kognitive Empathie ist es kaum möglich, erfolgreiche Verhandlungen zu führen oder Konflikte konstruktiv zu lösen. Und wer über keine soziale Empathie verfügt, wird nie ein Gespür dafür entwickeln, wie man eine produktive Unternehmenskultur oder Teamgeist schaffen kann. Empathie gehört auch zu den charakterlichen Stärken und zur persönlichen Reife. Sie ist ein wichtiges Persönlichkeitsmerkmal, wenn man sie zur Gewohnheit macht. Siehe dazu auch unseren Persönlichkeitstest. Empathie kann aber auch zur Manipulation missbraucht werden. Das erleben wir täglich in den Medien und in der Politik. Dazu haben wir ein neues Forschungsprojekt initiiert.

Empathie und Führungskompetenz

Es gibt unzählige Tipps und Empfehlungen, was Führungskräfte tun sollen, um "erfolgreich" zu sein. Unser Forschungsprojekt zur Transformationalen Führung hat gezeigt, welche Führungskompetenzen wirklich wichtig und relevant sind, und wie man Führungserfolg messen kann. Alle diese Kompetenzen haben einen gemeinsamen Nenner, und das ist Empathie. Weitere Informationen unter dem Link Führungskompetenz

 

Gütekriterien Empathie-Test

Empathie-Test: Validität und ReliabilitätReliabilität (Zuverlässigkeit)

Der aktuelle Stichprobenumfang beträgt insgesamt n = 6.636 (auswertbare Datensätze bzw. Teilnehmer). Bei der ersten Version waren es 2.140 und bei der zweiten 4.496 mit vier modifizierten Items zur Erhöhung der Trennschärfe. Das ist auch gelungen. Die Kennzahlen der zweiten Version sehen wie folgt aus:

Die drei Skalen der zweiten Version zeigen Werte ihrer internen Konsistenz zwischen α = .81 (Soziale Empathie) und α = .86 (Kognitive Empathie). Die Gesamtskala (24 Items) weist einen Wert für Cronbachs α von .93 auf. Die Split-Half-Methode ergab einen α-Wert von .891 für die erste Hälfte der Items und .862 für die zweite Hälfte, sowie einen Spearman-Brown-Koeffizienten von .897. Die Trennschärfenanalyse zeigte auf, dass 18 Items Werte von über .5 innerhalb ihrer Unterskala erzielten. Die sechs übrigen Items erreichten Werte, die knapp darunter liegen (0.42 bis 0.49). Eine weitergehende Verbesserung der Trennschärfe der Unterskalen hätte nur einen rein akademischen Sinn, zumal der Test acht Items pro Skala enthält.

Auch die erste Version des Empathie-Tests konnte weitgehend überzeugen. Der Stichprobenumfang lag bei n = 2.140. Die einzelnen Skalen zeigten Werte bezüglich der internen Konsistenz zwischen α = .79 (Soziale Empathie) und α = .85 (Kognitive Empathie). Die Gesamtskala wies einen Wert für Cronbachs α von .92 auf. Die Split-Half-Methode ergab einen α-Wert von .87 für die erste Hälfte der Items und .85 für die zweite Hälfte, sowie einen Spearman-Brown-Koeffizienten von .90.

Validität (Gültigkeit)

Ein Ziel der Studie war es zu prüfen, welche Bedeutung Empathie für den Erfolg im Leben hat. Deswegen wurde der Zusammenhang der drei Empathie-Skalen mit Erfolgsfaktoren (Erfolgsindex) aus dem Gießener Inventar der Umsetzungskompetenzen untersucht.*  

Dieser Erfolgsindex besteht aus zwei Komponenten: (1) der langfristigen Einkommensentwicklung und den (2) den Persönlichkeitsmerkmalen überdurchschnittlich erfolgreicher Unternehmerpersönlichkeiten aus der Untersuchung von Csíkszentmihályi (2003) und aus einer Langzeitstudie mit 1.528 Kindern aus Kalifornien, deren beruflicher und privater Lebenserfolg über 40 Jahre hinweg analysiert wurde (Einzelheiten siehe Myers 2013). Die aktuelle Persönlichkeitsforschung bestätigt die prognostische Validität dieser Merkmale (dass sie Erfolg vorhersagen können). Siehe dazu die Grit Scale (beschrieben im Artikel von Hammond und der dort angegebenen Fachliteratur).

Erfolgsfaktoren verdienen diese Bezeichnung nur dann, wenn sie typisch für erfolgreiche und zugleich untypisch für erfolglose Menschen sind. Aus diesem Grund wurde das erfolgreichste mit dem erfolglosesten Zehntel der Teilnehmer verglichen (jeweils rund 1.200 Personen). Dabei geht es um die Frage: „Bei welchen Verhaltensweisen (Items) ist der Unterschied zwischen "Erfolgreichen" und "Erfolglosen" besonders groß?“ Dazu gehören folgende Verhaltensindikatoren:

  • „Ich habe ein ausgeprägtes Durchhaltevermögen.“
  • „Ich beeinflusse meine Gefühle in einer Weise, die mir die Arbeit erleichtert.“
  • „Ich weiß in jeder Situation, was ich will.“
  • „Es fällt mir schwer, eine negative Stimmung gezielt zu verbessern (umgepolt).“
  • „Ich bekomme zu wenig Anerkennung, obwohl ich gute Leistungen bringe (umgepolt).“
  • „Es dauert ziemlich lange, bis ich mich nach großen Niederlagen wieder erhole (umgepolt).“

Fazit

Soziale Empathie hat die höchste (r = 0.48) und Emotionale Empathie die niedrigste (r = 0.16) Erfolgsrelevanz (statistisch gesehen). Für Menschen mit besonders stark ausgeprägter sozialer Empathie ist es typisch, dass es ihnen leichtfällt, eine negative Stimmung gezielt zu verbessern; sie haben ein ausgeprägtes Durchhaltevermögen, sie wissen, was sie wollen, und sie überwinden starke Widerstände. Diese Verhaltensweisen sind zugleich untypisch für die emotionale Empathie. Diese Menschen brauchen ziemlich lange bis sie sich von großen Niederlagen erholt haben, und sie sind stärker auf Lob und Anerkennung (von außen) angewiesen (statt sich dies selbst zu erarbeiten). Die analogen Werte für die kognitive (mentale) Empathie liegen deutlich näher bei der sozialen Empathie als bei der emotionalen Empathie.

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* Einzelheiten siehe: Pelz, W.: Umsetzungskompetenz als Schlüsselkompetenz für Führungspersönlichkeiten. In: Au, Corinna von (Hrsg.): Leadership und angewandte Psychologie. Band 3: Eigenschaften und Kompetenzen von Führungspersönlichkeiten. Berlin: Springer Verlag 2017

Literatur zum Thema Empathie und Empathie-Test

  • C. Allison: Psychometric Analysis of the Empathy Quotient (EQ), in: Personality and Individual Differences 2011
  • C. Batson: These things called empathy: Eight related but distinct phenomena. In: J. Decety and W. Ickes. The Social Neuroscience of Empathy Cambridge: MIT Press 2009
  • A. Damasio: Descarte’s error: emotion, reason and the human brain. New York: Penguin Putnam 1994
  • J. Decety: The neural pathways, development and functions of empathy. Current Opinion in Behavioral Sciences 2015
  • J. Decety et al.: A neurobehavioral evolutionary perspective on the mechanisms underlying empathy. Progress in Neurobiology 2012
  • C. Gonzalez-Liencres et al.: Towards a neuroscience of empathy, in: Neuroscience and Biobehavioral Reviews 2013
  • A. Hammond et al.: Grit: An important characteristic in learners. Currents in Pharmacy Teaching and Learning 2017 
  • I. Koller & C. Lamm: Item Response Model Investigation of the (German) Interpersonal Reactivity Index Empathy Questionnaire. European journal of psychological assessment 2015
  • E. J. Lawrence et al.: Measuring empathy, in: Psychological Medicine 2004
  • J. Menkes: Execute Intelligence, What All Great Leaders Have, New York: HarperCollins Publishers 2005
  • N. Nohira et al.: Advancing leadership theory and practice. Boston: Harvard Business Press 2010
  • David Myers: Psychology, Worth Publishers: 2013
  • E. Palagi et al.: Exploring the evolutionary foundations of empathy, in: Evolution and Human Behavior 2014
  • L. Shaw et al.: Measuring empathy: reliability and validity of the Empathy Quotient, in: Psychological Medicine 2004
  • E. Segal et al.: Developing the Social Empathy Index: An Exploratory Factor Analysis, in: Advances in Social Work 2016
  • A. Smith: Cognitive and emotional empathy in human behavior and evolution. The Psychological Record 2006)
  • N. Spreng et al.: The Toronto Empathy Questionnaire, in: Journal of Personality Assessment 2009
  • P. Watzlawick: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?: Wahn, Täuschung, Verstehen, München/Zürich: Piper 2005