Resilienz: Definition, Diagnose und Training

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Was ist Resilienz, und warum ist sie wichtig in der Praxis?

Definition der Resilienz

Resilienz ist die Fähigkeit, emotionale und mentale Belastungen (Stress) erfolgreich zu überwinden (ohne Stress-Erkrankung). Synonyme sind: Elastizität, Widerstandsfähigkeit, Zähigkeit oder "Stehaufmännchen-Effekt".

Praxisrelevanz

  • Resilienz stärkt die Lebenszufriedenheit und positive Emotionen wie zum Beispiel Begeisterung, Entschlossenheit, Energie und Spaß an der Arbeit. Es sind Emotionen die einen unmittelbaren Einfluss auf die Leistung haben
  • Gleichzeitig reduziert Resilienz negative Emotionen wie zum Beispiel Gereiztheit, Feindseligkeit, Lustlosigkeit, Gleichgültigkeit, Frustration und körperliche Stress-Symptome, die die Leistungsfähigkeit beeinträchtigen  (siehe Abbildung 1).
  • Resilienz hat einen großen Einfluss auf das Betriebsklima und damit die Mitarbeiterzufriedenheit. Diese führt zu mehr Kundenzufriedenheit.
  • Empirische Studien zeigen, dass Unternehmen mit einer überdurchschnittlichen Mitarbeiter- und Kundenzufriedenheit um den Faktor 3 bis 4 rentabler sind als Firmen mit frustrierten, ängstlichen und depressiven Mitarbeitern.

Resilienzfaktoren: Was stärkt die Resilienz? 

  • Resilienzfaktoren sind beobachtbare und somit messbare Verhaltensbeschreibungen (Items), die zu mehreren Gruppen zusammengefasst werden (mit einer Faktorenanalyse).
  • Beispiele sind Optimismus, Selbstwirksamkeit, praktische Intelligenz oder Charakterstärke.
  • Jeder Mensch hat bei diesen Faktoren ein individuelles Stärken-Schwächen-Profil. Es dient als Grundlage (Diagnose) für die Stärkung der Resilienz.
  • Hier gilt der gleiche Grundsatz wie in der Medizin: Ohne valide Diagnose ist eine seriöse Therapie nicht möglich. Darauf kommen wir im Abschnitt "Resilienz-Test" noch zu sprechen.
Resilienz: Definition und Wirkung Abbildung 1: Was bewirkt Resilienz?

Vortag für den Industrie Arbeitgeberverband

Anforderungen an einen seriösen Resilienz-Test (Inventar)

Validität und Reliabilität

Ein seriöser Resilienz-Test muss Dimensionen (Resilienzfaktoren) enthalten, für die es einen empirischen Nachweis gibt, dass sie die Resilienz tatsächlich messen (erfassen). Mit anderen Worten; er muss valide und reliabel sein. Ansonsten haben die Aussagen die Qualität eines Horoskops: plausibel, aber wertlos. Man nennt dieses Phänomen auch den Barnum-Effekt.

Beispiele für solche Aussagen sind: „Ich stelle mich immer der Realität“ oder „Ich empfinde viele Dinge, die mir widerfahren als ungerecht und ärgere mich darüber“ oder „Gemeinsam geht es besser“. Viktor Lau prägte für solche Konzepte den Begriff „obskure Management-Esoterik“ und Fredmund Malik bezeichnet dies als „konfuse Minestrone“ aus Halbwahrheiten und Aberglaube. Zur Vertiefung empfehlen wir die folgenden Studien und die dort genannte Fachliteratur (Systemisches Coaching, Reiss-Profile oder DISG-Test).

Wirksame Intervention (zur Verbesserung der Resilienz)

Selbst ein validierter Resilienz-Test allein bringt nicht viel. Entscheidend ist ein auf den Test abgestimmtes Interventionsprogramm. Dieses Programm besteht aus einer Reihe von Maßnahmen, die nachweislich dazu geeignet sind, die Resilienz zu steigern. „Nachweislich“ heißt, dass auch die Interventionen validiert sein müssen.

Der wichtigste Grund dafür ist die Tatsache, dass der größte Teil der Wirkung auf die persönliche Beziehung zwischen Coach und Coachee zurückzuführen ist. Dieses Phänomen haben wir am Beispiel der Studien der Harvard und Ashridge University skizziert (siehe den Beitrag Wirksamkeit von Coaching).

Beispiele fü wirksame Konzepte

Für die Diagnose („Messung“) der Resilienz gibt es verschiedene Tests. Dabei kann die „Connor-Davidson Resilience Scale“ die besten Gütekriterien (Objektivität, Validität und Reliabilität) nachweisen. Leider ist dieses Resilienz-Inventar nicht ohne weiteres auf gesunde Erwachsene (Fach- und Führungskräfte) außerhalb des klinischen Bereichs in der deutschen Kultur übertragbar. Das gleiche gilt für das Interventionsprogramm der Pennsylvania State University, das in unabhängigen Studien überzeugende Gütekriterien nachweisen konnte. Es trägt den Namen „PENN RESILIENCE PROGRAM“.

Auf unsere Kultur anwendbar

Für unsere Kultur existiert ein solches Programm (mit Diagnose und Intervention) nicht, obwohl es dringend notwendig ist, weil Resilienz einen gravierenden Einfluss auf die Produktivität (in Unternehmen) hat. Das dürfte die Abbildung 1 verdeutlichen. Dabei haben wir den Stad der Forschung zur Bedeutung der Resilienz ausgewertet.

Neuer Resilienz-Test

Als vorläufige Lösung haben wir an unserem Institut einen neuen Resilienz-Test entwickelt. Er beruht auf ähnlichen Resilienzfaktoren (Skalen) wie die Connor-Davidson-Resilience Scale und dem Penn Resilience Program. Die dazu verwendete wissenschaftliche Fachliteratur finden Sie im Literaturverzeichnis.

Der Kern besteht aus die am besten passenden Skalen und Items der rund 70 Kompetenzen und Persönlichkeitsmerkmale, die sehr gute Gütekriterien aufweisen (siehe dazu die Seite "Valide Diagnostik von Management- und Führungskompetenzen". Hinzu kommen neue Erkenntnisse aus der genannten wissenschaftlichen Fachliteratur.

Resilienz-Test (Link zum Test und weitere Informationen)

Das Prinzip des Resilienz-Tests

Resilienz-Test: Das Gießener Inventar der Resilienz Abbildung 2: Resilienz-Test: Das Gießener Inventar der Resilienz

Gütekriterien des Resilienz-Tests

Reliabilität (Zuverlässigkeit)

Die interne Konsistenz der fünf Unterskalen variiert zwischen α = .76 (Innere Stärke) und α = .85 (Emotionsmanagement). Die Gesamtskala (35 Items) weist einen Wert für Cronbachs α von .948 auf. Die Split-Half-Methode ergab einen Cronbachs α-Wert von 0.897 für die erste Hälfte der Items und 0,904 für die zweite Hälfte, sowie einen Spearman-Brown-Koeffizienten von .958. Die Trennschärfenanalyse ergab, dass 21 Items einen Wert von mehr als .5 aufweisen (bezogen auf ihre jeweilige Sub-Skala); die restlichen 14 Items erreichten Werte zwischen 0.30 und 0.50. Unter dem Wert von 0.3, der das Entfernen des Items nahelegen würde, landete keine der Aussagen.

Validität (Testgültigkeit)

Die Inhaltsvalidität wurde durch mehrere Vorstudien gewährleistet. Durchgeführte konfirmatorische und explorative Faktoranalysen zur Messung der Konstruktvalidität bestätigten einen guten Modell-Fit der Theorie. Die einzelnen Items wiesen durchschnittliche Faktorladungen von über .5 auf ihre jeweiligen Sub-Skalen auf. Zudem korrelierten die einzelnen Skalen stark miteinander (Korrelationskoeffizient nach Pearson ≥ 0.65), was darauf hindeutet, dass von allen das gleiche Konstrukt, eben die Resilienz, gemessen wird.  

Normen

Die Normierungsstichprobe umfasst bisher n = 108 Personen mit verschiedenen demographischen Merkmalen wie zum Beispiel disziplinarische Führungserfahrung, Ausbildung (Naturwissenschaft, Technik etc.), Unternehmensgröße, Beschäftigungsverhältnis, Altersgruppen und Geschlecht.

Kommentar

Der Stichprobenumfang wird ständig erweitert; dennoch ist es sehr erfreulich, dass die der Resilienz-Test schon bei n = 108 die geforderten Gütekriterien erfüllt.

Das führen wir auch darauf zurück, dass einige Items aus bereits validierten Tests mit Stichproben von über 20.000 Personen stammen.

Fachliteratur zum Thema Resilienz (nur ausgewählte wissenschaftliche Beiträge)

  • C. Bailey: What Makes Work Meaningful – or Meaningless. MIT Sloan Management Reveiw 2016
  • A. Bandura: Guide for Constructing Self-Efficacy Scales. Self-Efficacy of Adolescents 2006
  • J. Browne: Character Strengths of individuals with episode pschosis in Individual Resiliency Training. Schizophrenia Research 2017
  • L. Campbell-Sills: Psychometric Analysis and Refinement of the Connor-Davidson Resilience Scale: Validation of a 10-Item Measure of Resilience. Journal of Traumatic Stress 2007
  • A. Chmitorz et al.: Intervention studies to foster resilience. Clinical Psychology Review 2017
  • K. Connor et al.: Development of a new Resilience Scale. Depression and Anxiety 2003
  • D. Coutu: How Resilience Works. Harvard Business Review 2002
  • J. Dray: Systematic Review of Universal Resilience-Focused Interventions. Journal of American Academy of Child and Adolescent Psychiatry 2017
  • A. Hinz et al: Optimism and pessimism in the general population. International Journal of Clinical and Health Psychology 2017
  • R. Hodder et al.: Systematic Review of Universal School-based Resilience Interventions. Preventive Medicine  2017
  • M. Seligman: Building Resilience. Harvard Business Review 2011
  • R. J. Thomas: Inside the Crucible: Learning and Leading with Resilience. Harvard Business Publishing 2008
  • E. Werner: A Report from the Kauai Longitudinal Study. Journal of the American Academy of Child Psychiatry 1979
  • E. Werner: The Children of Kauai: Resiliency and Recovery in Adolescence and Adulthood. Journal of Adolescent Health 1992
  • B. S. Zimmernan: Importance of resilience research and multi-level interventions. Social Science and Medicine 2017