Empathie verstehen: Bedeutung, Beispiele und die drei Arten
Empathie ist die Fähigkeit, Gefühle anderer Menschen nachzuempfinden, ihre Gedanken und Beweggründe zu verstehen und Beziehungen in Gruppen zu erkennen. Sie hilft Ihnen, besser einzuschätzen, was Menschen beschäftigt, weshalb sie auf bestimmte Weise reagieren und wie Sie mit ihnen umgehen können.
Warum stimmt Ihnen jemand im persönlichen Gespräch zu und widerspricht Ihnen später vor anderen? Weshalb findet ein Vorschlag plötzlich Gehör, sobald ihn eine andere Person vorträgt? Und warum erreicht eine gut gemeinte Bemerkung manchmal genau das Gegenteil? Wer die Gefühle, Erwartungen und unausgesprochenen Regeln hinter solchen Situationen erkennt, kann das Verhalten anderer besser verstehen und überlegter reagieren.
Dieser Beitrag zeigt Ihnen, worauf es dabei ankommt:
- Menschen genauer einschätzen: Welche Sorgen, Wünsche oder Interessen könnten hinter einer Reaktion stehen – und wie können Sie Ihre Vermutung überprüfen?
- Gruppen besser verstehen: Wer hat tatsächlich Einfluss? Welche Spannungen bleiben unausgesprochen? Warum verhalten sich Menschen im Team anders als unter vier Augen?
- Sicherer handeln: Wie können Sie Missverständnisse klären, Ihre Anliegen verständlicher vermitteln und Beziehungen aufbauen, in denen Vertrauen und gegenseitiger Respekt wachsen?
Dabei lernen Sie drei unterschiedliche Fähigkeiten kennen: emotionale, kognitive und soziale Empathie. Ihre Unterscheidung erklärt, warum jemand intensiv mitfühlen und trotzdem die Beweggründe eines anderen falsch einschätzen kann. Sie hilft Ihnen auch zu erkennen, welche Ihrer eigenen Fähigkeiten in einer bestimmten Situation besonders gefragt ist.
Die Grundlage bilden eigene Forschungsbefunde und Erfahrungen aus der Unternehmenspraxis, dokumentiert im Buch Empathie in der Führung – Wie Sie Vertrauen aufbauen und Beziehungen stärken. Hinzu kommt eine Untersuchung mit 20.032 Testteilnehmern. Im Forschungsabschnitt erfahren Sie, wie unterschiedlich die drei Empathieformen mit persönlichen Beziehungen und Umsetzungskompetenz zusammenhängen – und was Sie daraus für Ihren Alltag ableiten können.
Von Prof. Dr. Waldemar Pelz, emeritierter Professor der Technischen Hochschule Mittelhessen und Leiter des Instituts für Management-Innovation.
Drei Fähigkeiten, die sich ergänzen: Emotionale Empathie ermöglicht Mitfühlen, kognitive Empathie hilft beim Verstehen einzelner Menschen und soziale Empathie beim Erkennen von Beziehungen und Dynamiken in Gruppen.
Inhalt dieser Seite: direkt zu Ihrer Frage
- Was bedeutet Empathie – und was heißt empathisch?
- Welche drei Arten der Empathie gibt es?
- Woran erkennt man empathische Menschen?
- Was zeigt die Forschung über Beziehungen und Erfolg?
- Kann Empathie auch Nachteile haben?
- Wie lässt sich Empathie testen?
- Kann man Empathie lernen und verbessern?
- Weitere Fragen zur Empathie
- Buch, Studien und weiterführende Informationen
Was bedeutet Empathie – und was heißt empathisch?
Im Alltag wird Empathie häufig mit Einfühlungsvermögen übersetzt. Gemeint ist, wahrzunehmen, was in einem anderen Menschen vorgeht: Was freut oder belastet ihn? Welche Erwartungen hat er? Warum reagiert er zurückhaltend, begeistert oder verärgert? Dazu gehört auch, die Situation zu berücksichtigen, in der sich dieser Mensch befindet.
Was bedeutet es, empathisch zu sein?
Empathisch zu sein heißt, für das Erleben anderer Menschen empfänglich zu sein und ihre Sichtweise möglichst zutreffend zu verstehen. Das kann sich im Mitfühlen, im genauen Einordnen einer Reaktion oder im Gespür für eine Gruppe zeigen. Ein empathischer Mensch muss daher weder besonders gefühlsbetont noch besonders gesprächig sein.
Beispiel aus dem Privatleben: Ihre Partnerin oder Ihr Partner kommt nach Hause und antwortet ungewöhnlich knapp. Sie bemerken die Veränderung und fragen: „Beschäftigt dich noch etwas von heute?“ Sie geben dem anderen Gelegenheit, seine Sicht zu erklären. Entscheidend ist, die eigene Vermutung zu überprüfen, bevor Sie das Verhalten auf sich beziehen.
Die wissenschaftliche Definition von Empathie
In Forschung und Praxis werden unter Empathie unterschiedliche Fähigkeiten verstanden. Für eine nachvollziehbare Begriffsbestimmung hat Waldemar Pelz 61 deutschsprachige Testverfahren zu Empathie und verwandten Fähigkeiten systematisch ausgewertet. Ihre Aussagen wurden inhaltlich geordnet und auf die wesentlichen Merkmale verdichtet. Auf dieser Grundlage lässt sich Empathie folgendermaßen definieren:
Empathie ist die Fähigkeit, Gefühle anderer Menschen emotional nachzuempfinden, ihre Gefühlslage und möglichen Reaktionen kognitiv zu erkennen und zu verstehen sowie Beziehungen, unausgesprochene Regeln, Stimmungen und Dynamiken in sozialen Systemen zu erfassen und sich darauf einzustellen.
Die Herleitung und die Abgrenzung der drei Dimensionen erläutert die Untersuchung Was ist Empathie? Definitionen abgeleitet aus 61 deutschsprachigen Testverfahren. Dort finden Sie die methodischen Einzelheiten.
Empathie, Mitgefühl und Sympathie: Was ist der Unterschied?
Im Sprachgebrauch überschneiden sich diese Begriffe. Für die praktische Unterscheidung hilft eine einfache Frage: Verstehe ich den anderen, nehme ich Anteil an seinem Erleben oder mag ich ihn?
- Empathie: wahrnehmen, mitfühlen und verstehen
-
Sie erkennen beispielsweise, warum ein Kollege enttäuscht ist und wie die Situation aus seiner Sicht aussieht. Bei emotionaler Empathie berührt Sie seine Enttäuschung auch selbst.
- Mitgefühl: Anteil nehmen
-
Das Leid eines anderen geht Ihnen nahe und Sie möchten ihn unterstützen. Dafür müssen Sie seine Gefühle nicht in derselben Weise selbst erleben.
- Sympathie: Zuneigung empfinden
-
Sie mögen einen Menschen. Das bedeutet noch nicht, dass Sie seine Gedanken, Gefühle oder Absichten zutreffend einschätzen.
- Freundlichkeit: sich zugewandt verhalten
-
Sie begrüßen jemanden höflich und sprechen respektvoll mit ihm. Wie gut Sie ihn tatsächlich verstehen, bleibt dabei offen.
Verstehen bedeutet nicht Zustimmen. Sie können nachvollziehen, warum jemand enttäuscht ist, und seine Forderung trotzdem ablehnen. Ebenso können Sie einen Menschen verstehen, den Sie unsympathisch finden.
Welche drei Arten der Empathie gibt es?
Drei Formen der Empathie – am Beispiel einer Notärztin im Einsatz
Nach einem Verkehrsunfall trifft eine Notärztin auf einen verletzten Fahrer. Er ist verängstigt und reagiert abweisend. Seine Begleiterin redet auf ihn ein, während die Rettungskräfte versuchen, sich einen Überblick zu verschaffen. Die Ärztin muss einzelne Menschen verstehen und zugleich das Zusammenspiel aller Beteiligten erfassen.
Emotionale Empathie: Das Leid berührt sie.
Die Angst und der Schmerz des Verletzten lassen die Ärztin nicht gleichgültig. Sie fühlt mit und begegnet ihm mit menschlicher Anteilnahme. Gleichzeitig muss sie ihre eigene emotionale Reaktion so steuern, dass sie aufmerksam und handlungsfähig bleibt.
Kognitive Empathie: Sie versteht die Reaktionen des Einzelnen.
Warum weist der Fahrer Hilfe zurück? Hat er Angst vor Schmerzen, versteht er die Situation nicht oder sorgt er sich um seine Begleiterin? Die Ärztin versucht, seine Reaktion einzuordnen. Sie berücksichtigt, was ihn beschäftigt und wie ihre Worte auf ihn wirken. So kann sie erklären, was als Nächstes geschieht, und auf seine Befürchtungen eingehen.
Soziale Empathie: Sie erkennt, was zwischen den Beteiligten geschieht.
Die Begleiterin möchte beruhigen, verstärkt mit ihrer Aufregung aber möglicherweise die Angst des Fahrers. Mehrere Helfer sprechen gleichzeitig; Zuständigkeiten sind noch unklar. Die Ärztin erfasst diese Wechselwirkungen: Wer vermittelt Sicherheit? Wo entsteht Unruhe? Wer braucht Orientierung? Dieses Verständnis hilft ihr, die Zusammenarbeit zu koordinieren.
Das Beispiel zeigt: Die drei Fähigkeiten müssen situationsgerecht zusammenspielen. Das gilt ebenso für Führung, Teamarbeit und private Beziehungen: Gefühle miterleben, einzelne Menschen verstehen und die Beziehungen zwischen mehreren Beteiligten erkennen erfüllen jeweils eine andere Aufgabe.
In Anlehnung an Pelz (2026): Empathie in der Führung – Wie Sie Vertrauen aufbauen und Beziehungen stärken. Springer Gabler.
Emotionale, kognitive und soziale Empathie bezeichnen unterschiedliche Fähigkeiten. Wie sie sich ergänzen, zeigt der Einsatz einer Notärztin: Sie muss das Leid eines Verletzten wahrnehmen, die Reaktionen einzelner Menschen verstehen und zugleich das Zusammenspiel aller Beteiligten erfassen.
| Empathieform | Worum geht es? | Was bedeutet das für die Notärztin? |
|---|---|---|
| Emotionale Empathie | Mitfühlen: Das Leid eines anderen Menschen berührt sie. | Sie empfindet die Angst und Verzweiflung des Verletzten mit. Zugleich muss sie ihre eigene emotionale Reaktion so steuern, dass sie ruhig und handlungsfähig bleibt. |
| Kognitive Empathie | Verstehen: Sie erfasst Gefühle, Gedanken und mögliche Reaktionen einzelner Menschen. | Sie versucht zu erkennen, warum der Verletzte Hilfe abwehrt oder ein Angehöriger aufgeregt dazwischenruft. Dieses Verständnis hilft ihr, ihre Ansprache anzupassen, Befürchtungen zu klären und Kooperation zu ermöglichen. |
| Soziale Empathie | Das gesamte Gefüge erfassen: Sie erkennt Beziehungen, Rollen und Wechselwirkungen zwischen mehreren Beteiligten. | Verletzte, Angehörige, Rettungsteam, Leitstelle und aufnehmende Klinik müssen zusammenwirken. Sie erkennt, wo Unruhe, widersprüchliche Erwartungen oder unklare Zuständigkeiten die Zusammenarbeit erschweren – und berücksichtigt dies bei der Abstimmung. |
Entscheidend ist das situationsgerechte Zusammenspiel: Mitfühlen schafft menschliche Nähe, kognitives Verstehen erleichtert den Umgang mit dem Einzelnen und soziale Empathie unterstützt das koordinierte Handeln im gesamten Gefüge.
Emotionale Empathie: Gefühle anderer miterleben
Emotionale oder affektive Empathie bezeichnet das Mitfühlen. Die Freude, Trauer oder Anspannung eines anderen Menschen löst eine eigene emotionale Reaktion aus. Erzählt eine Freundin begeistert von einer gelungenen Prüfung, freuen Sie sich mit. Berichtet ein Kollege von einer Enttäuschung, lässt Sie das nicht unberührt.
Dieses Miterleben kann Nähe schaffen. Es erklärt aber noch nicht, warum jemand so empfindet oder was ihm helfen würde. Wer stark mitfühlt, braucht außerdem die Fähigkeit, die Gefühle des anderen von den eigenen zu unterscheiden und handlungsfähig zu bleiben.

Kognitive Empathie: Gefühle, Gedanken und Reaktionen verstehen
Kognitive Empathie hilft, die Sichtweise eines anderen Menschen nachzuvollziehen. Sie berücksichtigen seine Situation, Erfahrungen, Erwartungen und Motive. Dabei können Sie verstehen, weshalb jemand Angst hat, ohne selbst Angst zu empfinden.
Beispiel: Ein Kunde reagiert auf einen Lieferverzug ungewöhnlich scharf. Im Gespräch erfahren Sie, dass er seinem eigenen Kunden einen festen Termin zugesagt hat. Damit wird verständlich, was für ihn auf dem Spiel steht. Sie können nun eine Lösung suchen, die sein tatsächliches Problem berücksichtigt.
Worte, Stimme und Körpersprache liefern Hinweise. Ihre Bedeutung wird im Zusammenhang verständlich und sollte durch Nachfragen geklärt werden. Ein Blick oder eine Geste allein erlaubt keine sichere Aussage über die Gedanken eines Menschen.

Soziale Empathie: Beziehungen und Dynamiken in Gruppen erkennen
Soziale Empathie richtet den Blick auf das Zusammenspiel mehrerer Menschen. Dazu gehören Familien, Teams, Organisationen und Netzwerke. Wer beeinflusst die Meinung der anderen? Welche Regeln gelten, obwohl sie niemand ausgesprochen hat? Wann kippt eine Stimmung? Warum verhält sich jemand in einer Gruppe anders als im persönlichen Gespräch?
Beispiel: Mehrere Teammitglieder befürworten eine Veränderung im Einzelgespräch, schweigen aber in der gemeinsamen Sitzung. Eine informell einflussreiche Person hat sich dagegen ausgesprochen. Wer diesen Zusammenhang erkennt, versteht den Widerstand genauer und kann gezielter das Gespräch suchen.
Im Gießener Modell beschreibt soziale Empathie diese Fähigkeit zur Einschätzung sozialer Systeme. Andere Forschungsansätze verwenden den Begriff mit anderen Schwerpunkten. Deshalb ist für einen Vergleich entscheidend, welche konkreten Fähigkeiten jeweils gemeint und gemessen werden.

Eine vertiefende Darstellung mit Untersuchungsergebnissen und Konsequenzen für Führung bietet ManagerImpulse: Soziale Empathie: Definition und Erkenntnisse aus 20.032 Tests.
Woran erkennt man empathische Menschen?
Empathie wird erkennbar, wenn Menschen die Gefühle und Reaktionen anderer zutreffend erfassen. Hilfreiche Hinweise sind:
- Aufmerksames Zuhören: Sie lassen andere ausreden und können anschließend wiedergeben, worum es ihnen geht.
- Genaues Nachfragen: Sie erkundigen sich nach Beweggründen, statt eigene Vermutungen als Tatsachen zu behandeln.
- Wahrnehmen von Veränderungen: Sie bemerken beispielsweise, wann aus Interesse Zurückhaltung wird.
- Berücksichtigen der Situation: Sie beziehen Belastungen, Erwartungen und Handlungsmöglichkeiten ihres Gegenübers ein.
- Gespür für Gruppen: Sie erkennen, wer gehört oder übergangen wird und wodurch sich eine gemeinsame Stimmung verändert.
- Überprüfen der eigenen Einschätzung: Sie können eine erste Deutung korrigieren, wenn neue Informationen hinzukommen.

Diese Verhaltensweisen liefern Anhaltspunkte. Wie sicher jemand andere Menschen versteht, zeigt sich erst im Zusammenhang und über mehrere Situationen hinweg. Außerdem können die drei Empathieformen unterschiedlich ausgeprägt sein.
Wie zeigt sich mangelnde oder fehlende Empathie?
Die pauschale Aussage „Er hat keine Empathie“ verdeckt oft den eigentlichen Unterschied:
- Wenig emotionales Mitfühlen: Jemand versteht die Enttäuschung eines anderen, empfindet sie aber kaum mit.
- Schwierigkeiten beim kognitiven Verstehen: Jemand ist stark berührt, deutet die Gründe für eine Reaktion jedoch falsch.
- Schwierigkeiten mit sozialer Empathie: Jemand versteht einzelne Gesprächspartner gut, übersieht aber Spannungen und Einflussverhältnisse im Team.
Für den Umgang miteinander ist deshalb die konkrete Frage hilfreicher: Was wird in dieser Situation nicht wahrgenommen oder nicht verstanden? Beschreiben Sie die Beobachtung und fragen Sie nach. Eine einzelne unpassende Bemerkung erlaubt noch kein verlässliches Urteil über die gesamte Empathiefähigkeit eines Menschen.
Was zeigt die eigene Forschung über Beziehungen und Erfolg?
Empathie wird häufig als allgemeines Erfolgsrezept dargestellt. Die Untersuchungen des Instituts für Management-Innovation ergeben ein genaueres Bild: Es kommt darauf an, welche Empathieform betrachtet wird, wie Erfolg gemessen wird und wie Menschen ihre Fähigkeiten tatsächlich einsetzen.
Der zentrale Befund des Buches: Empathie und Beziehungsqualität gehören zusammen
Das Buch Empathie in der Führung – Wie Sie Vertrauen aufbauen und Beziehungen stärken untersucht, welche Bedeutung Empathie für das berufliche und private Leben hat. Ein zentrales Ergebnis betrifft die Qualität persönlicher Beziehungen. Diese wurde anhand von drei Bereichen erfasst: Respekt erwerben, Vertrauen aufbauen und offen kommunizieren.
In der im Buch dargestellten Auswertung der GET-Kurzform mit 1.971 Fällen hängt der durchschnittliche Empathiewert deutlich mit dem Index persönlicher Beziehungen zusammen: Der Korrelationskoeffizient beträgt r = 0,674. Der Zusammenhang mit der selbst berichteten relativen Einkommensentwicklung fällt dagegen mit r = 0,035 nahezu null aus. Angaben zur Einkommensentwicklung lagen von 1.014 Teilnehmern vor. Gefragt wurde nach der Entwicklung seit Ausbildungs- oder Studienabschluss im Vergleich zu früheren Mitschülern oder Kommilitonen.
Die beiden Werte beantworten unterschiedliche Fragen. Sie zeigen, weshalb „Erfolg“ genauer bestimmt werden muss: Ein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen ist keine Garantie für einen höheren Einkommensanstieg. Für das Verständnis und die Gestaltung persönlicher Beziehungen ist Empathie dagegen deutlich relevant. Die Zusammenhänge belegen für sich genommen noch keine Ursache-Wirkungs-Beziehung.
Was heißt das für den Alltag?
Aus den im Buch untersuchten Beziehungsmerkmalen lassen sich konkrete Ansatzpunkte ableiten:
- Respekt zeigen und erwerben: Interessieren Sie sich aufrichtig für die Sichtweise anderer. Würdigen Sie deren Leistungen und nehmen Sie Einwände ernst.
- Vertrauen aufbauen: Halten Sie Zusagen ein, gehen Sie mit vertraulichen Informationen sorgfältig um und handeln Sie nach den Maßstäben, die Sie von anderen erwarten.
- Offen kommunizieren: Sprechen Sie Schwierigkeiten ehrlich und verständlich an. Fragen Sie nach, ob Ihr Gegenüber Ihre Aussage so verstanden hat, wie sie gemeint war.
Beispiel: Eine Führungskraft bemerkt, dass ein Mitarbeiter sich mit einer Aufgabe überfordert fühlt. Sie klärt, woran es liegt, vereinbart passende Unterstützung und hält diese Vereinbarung ein. Der Mitarbeiter erlebt dadurch sowohl Verständnis als auch Verlässlichkeit. In einer Partnerschaft gilt derselbe Grundgedanke: Aufmerksames Zuhören gewinnt an Wert, wenn im weiteren Verhalten erkennbar wird, dass das Anliegen angekommen ist.
Für die Zusammenarbeit hat das einen weiteren Nutzen: Menschen teilen Zweifel, Erfahrungen und frühe Warnsignale eher mit einem Gegenüber, dem sie vertrauen. Solche Informationen können für Entscheidungen entscheidend sein. Diesen Zusammenhang zwischen Empathie, Beziehungen und praktischem Handeln erläutert das Buch ausführlich.
20.032 Testteilnehmer: Soziale Empathie und Umsetzungskompetenz
Eine ergänzende Untersuchung betrachtet ein anderes erfolgsbezogenes Kriterium: Umsetzungskompetenz beziehungsweise Volition. Gemeint ist die Fähigkeit, Ziele auch bei Schwierigkeiten und Widerständen in Ergebnisse umzusetzen. In dieser Online-Erhebung wurden die drei Empathieformen mit jeweils acht Aussagen und die Umsetzungskompetenz mit weiteren acht Aussagen erfasst.
| Empathieform | Korrelation r |
|---|---|
| Emotionale Empathie | 0,122 |
| Kognitive Empathie | 0,396 |
| Soziale Empathie | 0,487 |
Soziale Empathie zeigt hier den stärksten positiven Zusammenhang. Auch Führungskräfte unterscheiden sich von Angestellten ohne Führungserfahrung vor allem in dieser Dimension. Die Ergebnisse beruhen auf gleichzeitig erhobenen Selbstauskünften; sie belegen keine ursächliche Wirkung und sind kein unmittelbarer Nachweis höherer Unternehmensgewinne.
Die vollständige Analyse finden Sie in Soziale Empathie, Führung und Umsetzungskompetenz. Die Vertiefung auf ManagerImpulse erläutert weitere Ergebnisse und deren Bedeutung für unterschiedliche Aufgaben.
Kann Empathie auch Nachteile haben?
Ja. Welche Schwierigkeiten auftreten können, hängt von der Empathieform und ihrem Einsatz ab. Das Buch behandelt insbesondere drei Risiken:
- Emotionale Überlastung: Wer fremde Sorgen intensiv miterlebt, kann die notwendige Distanz verlieren. Mitfühlen und eigene Grenzen gehören deshalb zusammen.
- Manipulation: Das genaue Verständnis von Ängsten und Motiven kann auch dazu genutzt werden, andere unter Druck zu setzen.
- Einseitige Entscheidungen: Wer sich vor allem in eine einzelne Person hineinversetzt, kann die berechtigten Interessen anderer Beteiligter übersehen.
Ein Führungsbeispiel: Eine Vorgesetzte entlastet aus Mitgefühl wiederholt denselben Mitarbeiter. Dessen Aufgaben übernehmen stillschweigend die Kollegen. Erst der Blick auf das gesamte Team zeigt, dass eine gut gemeinte Entscheidung als unfair erlebt werden kann. Hier hilft soziale Empathie, die Folgen für alle Beteiligten zu berücksichtigen.
Auch im Privatleben dürfen Sie Verständnis zeigen und zugleich eine Grenze setzen: „Ich verstehe, dass du enttäuscht bist. Heute kann ich dir trotzdem nicht helfen. Lass uns überlegen, welche andere Möglichkeit es gibt.“
Wie lässt sich Empathie testen?
Ein Empathie-Test sollte zeigen, wie die verschiedenen empathischen Fähigkeiten ausgeprägt sind. Für die persönliche Entwicklung ist ein Profil besonders hilfreich: Wo fällt Ihnen das Mitfühlen leicht? Wie sicher verstehen Sie einzelne Menschen? Wie gut erkennen Sie Stimmungen und Beziehungen in Gruppen?
Was einen brauchbaren Empathie-Test ausmacht
Entscheidend ist, ob klar benannt wird, was der Test misst und wie seine Qualität geprüft wurde. Drei Fragen helfen bei der Einordnung:
- Ist die Durchführung und Auswertung einheitlich? Das betrifft die Objektivität: Das Ergebnis soll möglichst unabhängig von der Person sein, die den Test durchführt oder auswertet.
- Misst das Verfahren zuverlässig? Dazu dienen Reliabilitätsprüfungen. Sie zeigen beispielsweise, wie gut die Aussagen einer Skala zusammenpassen.
- Sind die Aussagen des Tests belegt? Hier geht es um Validität. Werden die gemeinten Empathiefähigkeiten erfasst? Wenn praktischer Nutzen behauptet wird: Mit welchem konkreten Außenkriterium wurde der Zusammenhang untersucht?
Gerade die letzte Frage ist wichtig. Ein wissenschaftlicher Testname allein beantwortet noch nicht, ob ein Ergebnis etwas über Beziehungsqualität, Führung oder Umsetzung aussagt. Dafür müssen die jeweiligen Kriterien und Befunde nachvollziehbar sein.
Das eigene Profil mit dem Gießener Empathie-Test erkunden
Der Gießener Empathie-Test (GET) geht auf ein Forschungsprojekt an der Technischen Hochschule Mittelhessen zurück und wurde am Institut für Management-Innovation in Forschung und Unternehmenspraxis weiterentwickelt. Er unterscheidet emotionale, kognitive und soziale Empathie. Die Entwicklung und die Gütekriterien sind in der wissenschaftlichen Dokumentation des GET beschrieben.
Als Selbstbeurteilungsverfahren bildet der GET die eigene Einschätzung ab. Für eine vertiefte Diagnose lässt sie sich mit konkreten Erfahrungen, Verhaltensbeobachtungen und Rückmeldungen anderer vergleichen. Das ist besonders sinnvoll, wenn aus den Ergebnissen Personal- oder Entwicklungsentscheidungen abgeleitet werden.
Wie ist Ihr eigenes Empathieprofil ausgeprägt?
Auf empathie-test.de finden Sie den Gießener Empathie-Test mit Auswertung. Die Teilnahme ist kostenlos, anonym und ohne Registrierung. Das Ergebnis bietet einen Ausgangspunkt, um passende Entwicklungsziele festzulegen.
Kann man Empathie lernen und verbessern?
Empathische Fähigkeiten lassen sich entwickeln. Dabei kommt es auf den Ausgangspunkt und die Aufgabe an. Wer Gefühle anderer sehr intensiv miterlebt, braucht möglicherweise mehr Selbststeuerung. Wer einzelne Menschen gut versteht, aber Gruppenreaktionen häufig falsch einschätzt, sollte gezielt an sozialer Empathie arbeiten.
Zwei Voraussetzungen sind besonders wichtig: aufrichtiges Interesse an anderen Menschen und eine möglichst zutreffende Einschätzung der eigenen Stärken und Schwächen. Daraus lässt sich ein konkretes Lernziel ableiten. Die folgenden Übungen dienen als Einstieg.
1. Beobachtung und Interpretation auseinanderhalten
Notieren Sie nach einem schwierigen Gespräch zwei Sätze. Erstens: Was habe ich tatsächlich wahrgenommen? Zweitens: Wie habe ich es erklärt? „Er hat auf drei Fragen knapp geantwortet“ ist eine Beobachtung. „Er hält nichts von meinem Vorschlag“ ist eine Deutung. Überlegen Sie, welche weiteren Erklärungen infrage kommen.
2. Die Sichtweise des anderen überprüfen
Fassen Sie zusammen, was Sie verstanden haben: „Wenn ich Sie richtig verstehe, befürchten Sie vor allem, dass …“ Lassen Sie Ihr Gegenüber korrigieren oder ergänzen. So erhalten Sie eine konkrete Rückmeldung darüber, wie zutreffend Ihre Einschätzung war.
3. Die Wirkung des eigenen Verhaltens erfragen
Fragen Sie eine vertraute Person nach einer bestimmten Situation: „Hast du dich in unserem Gespräch verstanden gefühlt? Was habe ich übersehen?“ Bitten Sie um ein Beispiel. Daraus lässt sich eher etwas lernen als aus einem allgemeinen Urteil über Ihre Persönlichkeit.
4. In Gruppen auf Wechselwirkungen achten
Beobachten Sie in der nächsten Besprechung, wer auf wen reagiert, wessen Beiträge aufgegriffen werden und wann die Stimmung umschlägt. Vergleichen Sie Ihre Beobachtungen anschließend mit einer anderen Person. Das hilft, die eigenen Vermutungen über das Team zu überprüfen.
5. Verständnis in verlässliches Handeln übersetzen
Vereinbaren Sie nach einem Gespräch einen passenden nächsten Schritt und halten Sie ihn ein. Fragen Sie später, ob die Unterstützung hilfreich war. So verbinden Sie empathisches Verstehen mit den Beziehungsmerkmalen Respekt, Vertrauen und offener Kommunikation.
Ausführlichere Übungen, Fallbeispiele und Hinweise zur individuellen Entwicklung enthält das Buch Empathie in der Führung, insbesondere die Kapitel zum Testen und Trainieren sowie zur Anwendung in beruflichen und privaten Beziehungen.
Weitere Fragen zur Empathie
Kann man empathisch sein, ohne stark mitzufühlen?
Ja. Kognitive und soziale Empathie betreffen vor allem das Verstehen von Menschen und sozialen Zusammenhängen. Jemand kann eine Gefühlslage zutreffend einschätzen, ohne sie selbst intensiv mitzuerleben. Ein persönliches Profil zeigt solche Unterschiede genauer als ein pauschales Etikett.
Ist ein empathischer Mensch immer hilfsbereit?
Empathie und Hilfsbereitschaft sind unterschiedliche Dinge. Wer einen anderen versteht, kann ihm helfen, seine Bitte ablehnen oder das eigene Wissen für persönliche Vorteile einsetzen. Die Absichten und das tatsächliche Verhalten müssen deshalb zusätzlich betrachtet werden.
Wie zeigt man Empathie in einem Konflikt?
Versuchen Sie zunächst, das Anliegen und die Gefühle des anderen zutreffend wiederzugeben. Fragen Sie, ob Sie ihn richtig verstanden haben. Danach können Sie Ihre eigene Sicht erklären und eine Lösung suchen. Sie müssen Ihre Position dafür nicht aufgeben.
Was kann ich tun, wenn mich die Gefühle anderer überfordern?
Prüfen Sie, was Sie selbst beeinflussen können und welche Unterstützung Sie tatsächlich leisten möchten. Sie dürfen Anteil nehmen und zugleich Ihre Grenzen benennen. Für die eigene Entwicklung kann es sinnvoll sein, neben dem Mitfühlen besonders das sachliche Einordnen und die Selbststeuerung zu stärken.
Welche Empathieform ist für Führung besonders relevant?
Führung erfordert sowohl das Verstehen einzelner Mitarbeiter als auch das Erfassen von Beziehungen und Dynamiken im Team. In der Untersuchung mit 20.032 Teilnehmern hing soziale Empathie am stärksten mit Umsetzungskompetenz zusammen. Welche Fähigkeit entwickelt werden sollte, hängt zusätzlich von der konkreten Aufgabe und dem individuellen Profil ab.
Buch, Studien und weiterführende Informationen
Die folgenden Veröffentlichungen dokumentieren die Grundlagen und Untersuchungen dieses Beitrags. Sie bieten zusätzliche Einzelheiten zu Definitionen, Messverfahren, Ergebnissen und praktischer Anwendung.
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Empathie, Vertrauen und Beziehungen:
Pelz, W. (2026). Empathie in der Führung: Wie Sie Vertrauen aufbauen und Beziehungen stärken. Springer Gabler.
Vertiefung: eigene Forschung, persönliche Beziehungen, Führung, Diagnostik und Übungen. Besonders relevant sind die Abschnitte 2.1.3, 2.1.4 und 2.4.9 sowie die Kapitel 3 und 4. -
Wissenschaftliche Begriffsbestimmung:
Pelz, W. (2026). Was ist Empathie? Definitionen abgeleitet aus 61 deutschsprachigen Testverfahren. Zenodo.
Vertiefung: inhaltliche Herleitung und Abgrenzung der Empathiedimensionen. -
Führung und Umsetzungskompetenz:
Pelz, W. (2026). Soziale Empathie, Führung und Umsetzungskompetenz – Eine empirische Analyse von 20.032 Testteilnehmern. Zenodo.
Vertiefung: Messverfahren, Korrelationen, Gruppenvergleiche und Einordnung der Ergebnisse. -
Entwicklung und Prüfung des Tests:
Pelz, W. (2026). Entwicklung und Validierung des Gießener Empathie-Tests (GET). Zenodo.
Vertiefung: Testentwicklung, Gütekriterien und Interpretationshinweise.
Praxisnahe Vertiefungen auf ManagerImpulse: Soziale Empathie und ihre Bedeutung für Führung sowie das Fallbeispiel Soziale Empathie in der VW-Krisenkommunikation.
Autor und Forschungsprojekt
Waldemar Pelz verbindet Forschung zu Führung und Managementdiagnostik mit langjähriger Unternehmenspraxis. Er ist emeritierter Professor der Technischen Hochschule Mittelhessen und leitet das Institut für Management-Innovation, eine Ausgründung der THM. Das Empathieprojekt wurde in Zusammenarbeit mit Unternehmen unter anderem in Coaching, Führungskräfteentwicklung, Potenzialanalysen und 360-Grad-Feedback weiterentwickelt.
Weitere Informationen finden Sie im Autorenprofil mit wissenschaftlichem und beruflichem Hintergrund sowie unter Referenzen und Kooperationspartner. Für Fragen zur Anwendung in Ihrem Unternehmen erreichen Sie das Institut über die Kontaktseite.