Was ist Empathie? Einfach erklärt – mit Beispielen und den drei Arten
Empathie bedeutet, zu spüren, was andere fühlen, zu verstehen, warum sie so reagieren, und zu erkennen, was das gemeinsame Verhalten in Teams, Organisationen oder Netzwerken prägt. Doch Empathie allein macht weder erfolgreicher noch glücklicher. Entscheidend ist, ob sie hilft, Vertrauen aufzubauen und tragfähige Beziehungen zu entwickeln.
Wissenschaftliche Grundlage: Für die Definition der Empathie wurden 61 deutschsprachige Testverfahren systematisch ausgewertet. Daraus wurden emotionale, kognitive und soziale Empathie als drei unterscheidbare Dimensionen abgeleitet.
Quelle: Pelz, W. (2026). Was ist Empathie? Definitionen abgeleitet aus 61 deutschsprachigen Testverfahren. Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.21854239
Inhaltsverzeichnis
- Was ist Empathie? Einfach erklärt – und klar abgegrenzt
- Die drei Arten der Empathie: Mitfühlen, Verstehen und Beziehungen in Gruppen erkennen
- Woran erkennt man Empathie? Merkmale, Vorteile und Risiken
- Kann man Empathie messen? Was einen guten Test ausmacht
- Kann man Empathie lernen? Was sich wirklich trainieren lässt
- Was unsere Forschung zur Empathie zeigt
- Empathie – die wichtigsten Fragen und Antworten
- Zentrale wissenschaftliche Arbeiten zur Empathie
- Autor und Forschungsprojekt
Was ist Empathie? Einfach erklärt – und klar abgegrenzt
Im Alltag bedeutet Empathie zunächst, zu erkennen, was in einem anderen Menschen vorgeht: Was fühlt er? Was beschäftigt ihn? Warum reagiert er so – und wie wird er möglicherweise als Nächstes reagieren? Empathie hilft dabei, andere Menschen besser zu verstehen, ohne ihre Meinung teilen oder ihr Verhalten gutheißen zu müssen.
Was Empathie wirklich bedeutet: die wissenschaftliche Definition
Eine einheitliche Definition von Empathie gibt es in der Forschung bis heute nicht. Je nach Ansatz werden darunter beispielsweise Mitfühlen, Perspektivübernahme, das Erkennen fremder Gefühle, Mitgefühl oder soziale Fähigkeiten verstanden. Diese Unterschiede sind nicht nur theoretisch bedeutsam: Wer Empathie messen oder gezielt entwickeln möchte, muss zunächst klären, welche Fähigkeiten damit genau gemeint sind.
Deshalb wurden bei der Entwicklung des Gießener Empathie-Tests (GET) 61 deutschsprachige Testverfahren zu Empathie und verwandten Fähigkeiten systematisch ausgewertet. Die darin enthaltenen Aussagen wurden nach ihrem Inhalt geordnet, schrittweise reduziert und daraufhin untersucht, welche Merkmale den Kern der Empathie möglichst vollständig abbilden. Daraus wurden drei unterscheidbare Dimensionen abgeleitet: emotionale, kognitive und soziale Empathie.
Wissenschaftliche Definition:
Empathie ist die Fähigkeit, Gefühle anderer Menschen emotional nachzuempfinden, ihre Gefühlslage und möglichen Reaktionen kognitiv zu erkennen und zu verstehen sowie Beziehungen, unausgesprochene Regeln, Stimmungen und Dynamiken in sozialen Systemen zu erfassen und situationsgerecht zu berücksichtigen.
Quelle: Pelz, W. (2026). Was ist Empathie? Definitionen abgeleitet aus 61 deutschsprachigen Testverfahren. Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.21854239
Der Vorteil dieser Definition liegt darin, dass sie Empathie nicht auf bloßes Mitfühlen reduziert. Sie umfasst drei unterschiedliche Fragen: Was fühlt ein anderer Mensch? Wie beeinflussen Gefühle und Gedanken sein Verhalten? Und: Was prägt das Verhalten mehrerer Menschen in Teams, Organisationen oder Netzwerken? Diese drei Perspektiven werden im nächsten Kapitel als emotionale, kognitive und soziale Empathie genauer erklärt.
Empathie ist nicht Mitgefühl, Sympathie oder Freundlichkeit
Empathie wird im Alltag häufig mit Mitgefühl, Sympathie oder Freundlichkeit gleichgesetzt. Die Begriffe beschreiben jedoch unterschiedliche Vorgänge. Mitgefühl bedeutet vor allem, Anteil am Erleben eines anderen Menschen zu nehmen. Sympathie bezeichnet persönliche Zuneigung. Freundlichkeit beschreibt dagegen eine Form des Verhaltens. Empathie beginnt früher: Sie betrifft zunächst die Fähigkeit, einen anderen Menschen möglichst zutreffend zu verstehen.
| Begriff | Was bedeutet er? | Einfaches Beispiel |
|---|---|---|
| Empathie | Ich erkenne und verstehe, was in einem anderen Menschen vorgeht. | Ich bemerke, dass ein Kollege verunsichert ist, obwohl er es nicht sagt. |
| Mitgefühl | Ich nehme Anteil am Erleben eines anderen Menschen. | Es tut mir leid, dass ein Kollege einen schweren Rückschlag erlebt. |
| Sympathie | Ich empfinde Zuneigung zu einer Person. | Ich mag einen Menschen und verbringe gern Zeit mit ihm. |
| Freundlichkeit | Ich verhalte mich höflich und zugewandt. | Ich bleibe höflich, auch wenn ich wenig über die Gefühle des anderen weiß. |
Daraus folgt ein wichtiger Unterschied: Verstehen bedeutet nicht Zustimmen. Ein empathischer Mensch kann nachvollziehen, warum jemand enttäuscht, verärgert oder ängstlich reagiert, und dennoch dessen Forderung ablehnen. Ebenso kann man die Motive eines Menschen verstehen, ohne sein Verhalten für richtig zu halten.
Ein verbreiteter Irrtum: Empathie ist nicht automatisch „gut“
Empathie wird häufig wie eine grundsätzlich positive Charaktereigenschaft behandelt. Das greift zu kurz. Zunächst liefert Empathie Informationen über andere Menschen. Wie diese Informationen genutzt werden, ist eine andere Frage.
Kognitive Empathie kann beispielsweise helfen, einen Konflikt zu lösen, weil man die Motive der Beteiligten besser versteht. Dieselbe Fähigkeit kann aber auch eingesetzt werden, um Schwächen eines anderen gezielt auszunutzen. Sehr starke emotionale Empathie wiederum kann dazu führen, dass fremde Gefühle die eigene Stimmung stark beeinflussen und eine notwendige Abgrenzung erschweren.
Empathie ist deshalb weder mit Nettigkeit noch mit moralisch richtigem Verhalten gleichzusetzen. Entscheidend ist, was ein Mensch mit seinem Verständnis anderer macht. Die Forschung des Instituts für Management-Innovation weist zudem auf einen weiteren wichtigen Punkt hin: Hohe Empathie allein macht weder automatisch erfolgreicher noch glücklicher. Ihren besonderen Nutzen entfaltet sie vor allem dann, wenn sie dazu beiträgt, Vertrauen und tragfähige Beziehungen aufzubauen.
Die drei Arten der Empathie: Mitfühlen, Verstehen und Beziehungen in Gruppen erkennen
Empathie ist keine einzelne Fähigkeit. Im Gießener Empathie-Modell werden drei Dimensionen unterschieden: emotionale, kognitive und soziale Empathie. Sie beantworten unterschiedliche Fragen: Was fühlt ein anderer Mensch? Warum fühlt und reagiert er so? Und was geschieht, wenn mehrere Menschen in einem Team, einer Organisation oder einem Netzwerk zusammenwirken?
Die drei Fähigkeiten können bei einem Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Jemand kann die Gefühle anderer sehr intensiv miterleben, sie aber trotzdem falsch deuten. Ein anderer versteht einzelne Gesprächspartner ausgezeichnet, erkennt jedoch kaum, wer in einer Gruppe Einfluss hat oder warum sich deren Stimmung plötzlich verändert. Erst die Unterscheidung der drei Dimensionen macht solche Unterschiede sichtbar.
Emotionale Empathie: Was fühlt der andere?
Emotionale Empathie bedeutet Mitfühlen. Wir nehmen die Gefühlslage eines anderen Menschen nicht nur sachlich wahr, sondern erleben einen Teil davon selbst. Freude kann ansteckend wirken, ebenso Angst, Trauer, Begeisterung oder Anspannung.
Typisch für emotionale Empathie ist deshalb die emotionale Resonanz: Die Gefühle eines anderen lösen auch bei uns eine emotionale Reaktion aus. Im Gießener Empathie-Test wird beispielsweise erfasst, wie stark Menschen von der Stimmung anderer beeinflusst werden, ob sie fremde Gefühle nachempfinden und wie sehr sie die Erlebnisse anderer berühren.
Ein einfaches Beispiel ist ein Gespräch mit einem enttäuschten Kollegen. Wer über eine ausgeprägte emotionale Empathie verfügt, erkennt nicht nur, dass der Kollege enttäuscht ist. Seine Stimmung berührt ihn selbst. Dieses Mitfühlen kann Nähe und Verständnis fördern.
Allerdings ist starke emotionale Empathie nicht automatisch ein Vorteil. Wer die Gefühle anderer sehr intensiv übernimmt, kann sich davon auch belasten lassen. Das Buch beschreibt emotionale Empathie deshalb als weitgehend spontane Reaktion auf emotionale Signale, die Verbundenheit schafft, aber ohne ausreichende Abgrenzung auch zur Belastung werden kann.
Kognitive Empathie: Warum fühlt und reagiert ein Mensch so?
Kognitive Empathie bedeutet Verstehen. Sie hilft uns, die Gefühlslage, Gedanken, Motive und möglichen Reaktionen eines anderen Menschen möglichst zutreffend einzuschätzen. Anders als bei der emotionalen Empathie muss man dabei nicht selbst stark mitfühlen.
Dazu gehört zunächst Aufmerksamkeit: Wie spricht jemand? Was verraten Mimik, Gestik oder Tonfall? Hat sich seine Stimmung verändert? Im nächsten Schritt geht es darum, diese Hinweise richtig zu deuten: Warum ist jemand enttäuscht, misstrauisch, erleichtert oder begeistert? Und wie wird er wahrscheinlich reagieren?
Die Analyse der deutschsprachigen Empathie-Items zeigt deshalb eine typische Abfolge: beachten, erkennen, verstehen, Reaktionen einschätzen und die Gefühlslage berücksichtigen. Genau diese Schritte bildeten die Grundlage für die kognitive Dimension des späteren GET.
Ein Beispiel: Ein Mitarbeiter stimmt einem Vorschlag im Meeting zwar zu, antwortet aber auffallend knapp und vermeidet Blickkontakt. Emotionale Empathie kann vermitteln, dass etwas nicht stimmt. Kognitive Empathie versucht darüber hinaus zu verstehen, was hinter dieser Reaktion steckt und wie sich ein weiteres Gespräch vermutlich entwickeln wird.
Diese Fähigkeit ist im Beruf besonders wertvoll, weil sie Verstehen ermöglicht, ohne dass man die Gefühle anderer vollständig übernehmen muss. Das Buch hebt deshalb hervor, dass kognitive Empathie helfen kann, Bedürfnisse und Reaktionen anderer einzuordnen, ohne sich selbst emotional zu überlasten.
Soziale Empathie: Was passiert in Teams, Organisationen oder Netzwerken?
Bei der sozialen Empathie richtet sich der Blick nicht mehr nur auf einen einzelnen Menschen. Entscheidend ist, zu verstehen, was geschieht, wenn mehrere Menschen miteinander handeln.
Dazu gehört zum Beispiel zu erkennen, wer in einem Team tatsächlich Einfluss hat, welche unausgesprochenen Spielregeln gelten, welche Stimmung vorherrscht und wann diese Stimmung umschlägt. Es geht also nicht nur darum, einzelne Personen zu verstehen, sondern auch das gemeinsame Verhalten mehrerer Menschen.
Ein typisches Beispiel ist eine Besprechung. Auf dem Papier können Rollen und Zuständigkeiten eindeutig verteilt sein. Trotzdem kann eine andere Person als der formale Vorgesetzte die Diskussion prägen. Ein Mitarbeiter äußert sich vielleicht kaum, beeinflusst aber durch Zustimmung oder Ablehnung die Haltung der übrigen Teilnehmer. Gleichzeitig kann ein einziger Beitrag die Stimmung des gesamten Teams verändern.
Soziale Empathie hilft, solche Vorgänge frühzeitig zu erkennen. Das gilt nicht nur für Teams. Auch Unternehmen müssen einschätzen, wie Kunden, Mitarbeiter, Wettbewerber oder die Öffentlichkeit auf Entscheidungen und Botschaften reagieren könnten.
Die Itemanalyse, aus der der GET hervorging, erfasste deshalb unter anderem das Verständnis von Beziehungen und unausgesprochenen Spielregeln, das Erkennen von Gruppenstimmungen, das Einschätzen von Stimmungswechseln und den Umgang mit emotionsgeladenen Situationen in Teams.
Die drei Arten ergänzen sich. Emotionale Empathie liefert das unmittelbare Mitfühlen, kognitive Empathie hilft beim Verstehen und Einordnen, und soziale Empathie erweitert den Blick auf mehrere Menschen. Welche davon besonders wichtig ist, hängt von der jeweiligen Situation ab. Das Buch verdeutlicht dies beispielsweise am Einsatz eines Notarztes: Er muss das Leid der Betroffenen wahrnehmen, einzelne Reaktionen richtig verstehen und zugleich das Zusammenspiel von Patienten, Angehörigen und Rettungskräften erfassen.
Woran erkennt man Empathie? Merkmale, Vorteile und Risiken
Empathie erkennt man nicht daran, dass jemand besonders freundlich wirkt oder häufig über Gefühle spricht. Sie zeigt sich vor allem darin, wie genau ein Mensch andere wahrnimmt und versteht. Empathische Menschen hören aufmerksam zu, bemerken Widersprüche zwischen Worten und Körpersprache, fragen nach und versuchen zunächst zu verstehen, bevor sie urteilen oder reagieren.
Woran erkennt man empathische Menschen?
Ein wichtiges Merkmal ist aufmerksames Zuhören. Empathische Menschen warten nicht nur darauf, selbst wieder sprechen zu können. Sie achten darauf, was ihr Gegenüber sagt – und ebenso darauf, was möglicherweise unausgesprochen bleibt.
Typisch sind beispielsweise folgende Verhaltensweisen:
- Sie hören genau zu, statt vorschnell eine eigene Antwort vorzubereiten.
- Sie fragen nach, wenn ihnen Motive, Gefühle oder Reaktionen nicht klar sind.
- Sie erkennen Zwischentöne, etwa Veränderungen in Stimme, Mimik oder Körpersprache.
- Sie können Gefühle einordnen und versuchen zu verstehen, warum jemand enttäuscht, verärgert, erleichtert oder begeistert reagiert.
- Sie unterscheiden Verstehen von Zustimmung. Sie können eine Reaktion nachvollziehen, ohne sie deshalb gutzuheißen.
- Sie urteilen nicht vorschnell, sondern prüfen zunächst, welche Gründe hinter einem Verhalten stehen könnten.
Keines dieser Merkmale beweist für sich allein hohe Empathie. Entscheidend ist das Zusammenspiel: Ein guter Zuhörer kann beispielsweise aufmerksam wirken und dennoch die Motive seines Gegenübers falsch einschätzen. Ebenso kann jemand Gefühle sehr stark mitempfinden, ohne zu verstehen, warum ein anderer Mensch so reagiert. Genau deshalb ist die Unterscheidung zwischen emotionaler, kognitiver und sozialer Empathie wichtig.
Woran erkennt man mangelnde oder fehlende Empathie?
Auch geringe Empathie zeigt sich nicht immer auf dieselbe Weise. Es macht einen erheblichen Unterschied, welche der drei empathischen Fähigkeiten schwach ausgeprägt ist. Ein Mensch kann wenig mitfühlen und andere trotzdem sehr genau verstehen. Umgekehrt kann jemand stark emotional reagieren und dennoch völlig falsch einschätzen, warum sein Gegenüber enttäuscht oder verärgert ist.
Geringe emotionale Empathie: Ein Mensch kann durchaus erkennen, dass jemand traurig, enttäuscht oder begeistert ist, aber diese Gefühle lösen bei ihm nur wenig innere Resonanz aus. Er versteht möglicherweise mit dem Kopf, was der andere empfindet, fühlt aber wenig davon mit. Das muss nicht zwangsläufig ein Nachteil sein. In Situationen, in denen Distanz und sachliche Entscheidungen notwendig sind, kann eine geringere emotionale Ansteckung sogar hilfreich sein.
Geringe kognitive Empathie: Hier kann das Gegenteil auftreten. Ein Mensch reagiert möglicherweise sehr emotional auf die Gefühle anderer, kann aber nicht zutreffend erklären, warum jemand traurig, frustriert, begeistert oder enttäuscht ist. Mimik, Tonfall und Verhalten werden leichter falsch interpretiert. Oft fehlt auch das Gespür dafür, welche Gefühle die eigenen Worte oder Handlungen beim Gegenüber auslösen werden.
Anschaulich lässt sich dieses Problem mit einer Art „Farbenblindheit für emotionale Signale“ vergleichen: Die Signale sind vorhanden, werden aber nicht zuverlässig unterschieden oder richtig eingeordnet. Die Analogie ist selbstverständlich nur bildlich gemeint – sie beschreibt keine medizinische Farbenblindheit.
Geringe soziale Empathie: Diese Schwäche wird besonders sichtbar, sobald mehrere Menschen beteiligt sind. Betroffene erkennen beispielsweise schlecht, wer in einer Gruppe tatsächlich das Sagen hat, welche unausgesprochenen Spielregeln gelten oder warum eine Besprechung plötzlich völlig anders verläuft als geplant.
Das gleiche Problem kann auf einer größeren Ebene auftreten. Unternehmen und Führungskräfte müssen einschätzen können, wie Mitarbeiter, Kunden, Wettbewerber oder die Öffentlichkeit auf Entscheidungen und Aussagen reagieren. Wer diese Reaktionen falsch einschätzt, kann mit einer Botschaft genau das Gegenteil dessen bewirken, was ursprünglich beabsichtigt war.
Praxisbeispiel: Soziale Empathie in der VW-Krise
Wie folgenreich eine falsche Einschätzung der Reaktionen von Öffentlichkeit und Medien sein kann, zeigt eine Analyse der VW-Krisenkommunikation während des Abgasskandals. Der Beitrag untersucht, warum ein Auftritt vor der internationalen Presse nicht die beabsichtigte Wirkung erzielte, sondern die Krise zusätzlich verschärfte. Soziale Empathie in der Führung: Wie ein Interview die VW-Krise verschärfte
„Fehlende Empathie“ ist deshalb keine präzise Beschreibung eines einheitlichen Merkmals. Für die Praxis ist die wichtigere Frage: Fehlt das Mitfühlen, das Verstehen einzelner Menschen oder das Gespür dafür, was zwischen mehreren Menschen geschieht? Erst diese Unterscheidung macht deutlich, welche Fähigkeit tatsächlich entwickelt werden sollte.
Was Empathie bewirken kann – und wo ihre Grenzen liegen
Empathie erleichtert es, andere Menschen genauer einzuschätzen. Wer Gefühle und Motive versteht, kann Missverständnisse früher erkennen, Konflikte besser einordnen und sein Verhalten gezielter auf sein Gegenüber abstimmen. Im beruflichen wie im privaten Bereich kann dies dazu beitragen, Vertrauen aufzubauen und Beziehungen zu stabilisieren.
Das bedeutet jedoch nicht, dass möglichst viel Empathie automatisch möglichst gut ist. Die drei Dimensionen haben unterschiedliche Risiken.
- Sehr hohe emotionale Empathie kann dazu führen, dass fremde Gefühle die eigene Stimmung stark beeinflussen und notwendige Distanz erschweren.
- Hohe kognitive Empathie ermöglicht ein sehr genaues Verständnis anderer, kann aber auch strategisch oder manipulativ eingesetzt werden.
- Hohe soziale Empathie hilft, Macht, Stimmungen und unausgesprochene Regeln zu erkennen; auch dieses Wissen sagt noch nichts darüber aus, zu welchem Zweck es eingesetzt wird.
Ein Beispiel aus der diagnostischen Praxis verdeutlicht das Problem: Eine Personalleiterin kann sehr stark mit den Sorgen und Belastungen ihrer Mitarbeiter mitfühlen. Das erleichtert Nähe und Vertrauen. Wenn ihre kognitive und soziale Empathie jedoch wesentlich schwächer ausgeprägt sind, kann es ihr gleichzeitig schwerfallen, Konflikte sachlich einzuordnen, die Perspektive der Unternehmensleitung zu verstehen oder informelle Machtverhältnisse zu erkennen. Nicht zu wenig Empathie, sondern ein unausgewogenes Empathie-Profil kann dann zum Problem werden.
Deshalb sollte Empathie nicht mit Nettigkeit, Harmonie oder erfolgreichem Verhalten gleichgesetzt werden. Empathie liefert zunächst Informationen darüber, was in anderen Menschen und zwischen mehreren Menschen geschieht. Ob daraus Vertrauen, Zusammenarbeit und bessere Entscheidungen entstehen, hängt davon ab, wie diese Informationen genutzt werden.
Kann man Empathie messen? Was einen guten Test ausmacht
Empathie lässt sich nicht zuverlässig daran erkennen, ob jemand sich selbst für besonders einfühlsam hält. Auch der Eindruck anderer Menschen kann täuschen. Wer seine empathischen Stärken und Schwächen wirklich verstehen will, braucht deshalb ein Testverfahren, das die verschiedenen Fähigkeiten getrennt erfasst und wissenschaftlichen Gütekriterien genügt.
Das ist vor allem dann wichtig, wenn Empathie gezielt entwickelt werden soll. Erst wenn sichtbar wird, ob beispielsweise das Mitfühlen, das Erkennen fremder Gefühle oder das Verständnis für das Verhalten mehrerer Menschen schwächer ausgeprägt ist, lassen sich passende Entwicklungsmaßnahmen auswählen.
Warum einfache Selbsttests und Bauchgefühl nicht genügen
Im Internet finden sich zahlreiche Empathie-Tests. Viele davon bestehen aus wenigen Fragen und liefern innerhalb weniger Minuten ein Ergebnis. Solche Selbsttests können zum Nachdenken anregen, beantworten aber noch nicht die entscheidende Frage: Misst der Test tatsächlich Empathie?
Bei den Vorarbeiten zum Gießener Empathie-Test wurden deshalb 61 deutschsprachige Selbsteinschätzungsverfahren zu Empathie und verwandten Fähigkeiten untersucht. Die Analyse zeigte, dass unter dem Begriff Empathie sehr unterschiedliche Inhalte abgefragt werden – unter anderem Mitgefühl, Perspektivübernahme, eigene Emotionsregulation, allgemeine soziale Kompetenz oder sehr spezielle Situationen.
Ein weiterer Punkt kommt hinzu: Menschen beurteilen sich selbst nicht immer zutreffend. Jemand kann sich für sehr empathisch halten, weil er die Gefühle anderer intensiv mitempfindet, und dennoch Schwierigkeiten haben, deren Ursachen richtig zu verstehen oder Gruppenreaktionen vorherzusehen. Umgekehrt kann ein eher nüchtern wirkender Mensch andere sehr genau einschätzen.
Deshalb ist ein einzelner Gesamtwert oft wenig hilfreich. Ein guter Empathie-Test sollte vielmehr zeigen, welche Teilfähigkeiten stark und welche schwächer ausgeprägt sind.
Objektivität, Reliabilität und Validität: daran erkennt man einen seriösen Test
Ein wissenschaftlich fundierter Empathie-Test sollte zentrale psychometrische Gütekriterien erfüllen. Dazu gehören insbesondere Objektivität, Reliabilität und Validität. Objektivität bedeutet, dass das Ergebnis möglichst unabhängig davon ist, wer den Test durchführt oder auswertet. Reliabilität beschreibt die Zuverlässigkeit und Messgenauigkeit des Verfahrens. Validität beantwortet die entscheidende Frage, ob der Test tatsächlich das misst, was er zu messen vorgibt.
Gerade bei Empathie ist die Validität besonders wichtig. Ein Verfahren kann sehr zuverlässig messen und trotzdem ein anderes Merkmal erfassen – beispielsweise Sympathie, Hilfsbereitschaft, Perspektivübernahme oder allgemeine soziale Kompetenz.
Zur Validität gehört auch die Inhaltsvalidität. Dabei geht es um die Frage, ob die wesentlichen Bereiche des Merkmals im Test angemessen vertreten sind. Deshalb wurden bei der Entwicklung des Gießener Empathie-Tests zunächst 61 deutschsprachige Testverfahren zu Empathie und verwandten Fähigkeiten systematisch ausgewertet. Auf dieser Grundlage wurden die Inhalte emotionaler, kognitiver und sozialer Empathie abgegrenzt und anschließend empirisch überprüft.
Wissenschaftliche Dokumentation der Gütekriterien
Die Entwicklung, Prüfung und Validierung des Gießener Empathie-Tests einschließlich der psychometrischen Gütekriterien ist ausführlich dokumentiert in:
Pelz, W. (2026). Entwicklung und Validierung des Gießener Empathie-Tests (GET). Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.21133645
sowie in: Pelz, W. (2026). Empathie in der Führung: Wie Sie Vertrauen aufbauen und Beziehungen stärken. Springer Gabler.
Der Gießener Empathie-Test: aus Forschung und Praxis entwickelt
Der Gießener Empathie-Test (GET) entstand über einen Zeitraum von rund zehn Jahren. Ziel war ein Verfahren, das wissenschaftliche Anforderungen an Objektivität, Reliabilität und Validität erfüllt und zugleich in der Praxis verständlich und einsetzbar bleibt.
Die Entwicklung begann mit einer umfangreichen Analyse vorhandener Verfahren und Items. Ungeeignete, mehrdeutige oder zu spezielle Aussagen wurden schrittweise entfernt. Aus dem verbleibenden Itempool wurden die drei Dimensionen emotionale, kognitive und soziale Empathie weiterentwickelt. Die frühen Fassungen trugen noch die Bezeichnung GIE; daraus entstand später der heutige GET.
Die finale Validierung bestätigte die Messgenauigkeit der drei Skalen. Für emotionale Empathie ergab sich eine interne Konsistenz von α = .851, für kognitive Empathie von α = .838 und für soziale Empathie von α = .846. Damit liegen alle drei Skalen in einem Bereich, der eine zuverlässige Interpretation der Ergebnisse ermöglicht.
Entscheidend ist jedoch nicht nur ein Testwert. Der Nutzen entsteht erst durch die Frage: Was bedeutet mein persönliches Profil? Ein Test kann beispielsweise zeigen, dass jemand sehr stark mitfühlt, aber fremde Reaktionen weniger sicher einschätzt oder Schwierigkeiten hat, Stimmungen und Einflussverhältnisse in Teams zu erkennen.
Genau darin liegt der praktische Wert einer differenzierten Messung: Sie macht nicht nur sichtbar, wie empathisch jemand insgesamt ist, sondern vor allem, wo seine besonderen Stärken und Schwächen liegen. Das schafft eine Grundlage für gezielte Entwicklung statt allgemeiner Empfehlungen.
Gießener Empathie-Test (GET)
Informationen zum Test, seiner wissenschaftlichen Grundlage und zur Auswertung finden Sie auf www.empathie-test.de .
Warum ein neuer Empathie-Test notwendig war
Zu den verbreiteten wissenschaftlichen Verfahren zur Messung von Empathie gehören der Interpersonal Reactivity Index (IRI), der Empathie-Quotient (EQ) und die Basic Empathy Scale (BES). Sie haben die Empathieforschung wesentlich geprägt, wurden jedoch für andere Fragestellungen und Anwendungskontexte entwickelt.
Der IRI stammt aus den frühen 1980er-Jahren und erfasst Empathie unter anderem über Perspektivübernahme und empathische Anteilnahme. Eine eigenständige soziale Empathie – etwa das Erkennen von Beziehungen, unausgesprochenen Spielregeln oder Stimmungen in Teams – enthält das Modell nicht. Zudem kann ein englischsprachiges Verfahren nicht einfach in einen deutschen beruflichen und kulturellen Kontext übertragen werden.
Die Basic Empathy Scale (BES) unterscheidet vor allem zwischen emotionaler und kognitiver Empathie und wurde ursprünglich mit Jugendlichen entwickelt. Auch hier fehlt die für Organisationen wichtige dritte Perspektive auf Gruppen, Teams und deren gemeinsame Reaktionen.
Diese Begrenzungen waren ein wesentlicher Grund, mit dem Gießener Empathie-Test (GET) ein deutschsprachiges Verfahren zu entwickeln, das emotionale, kognitive und soziale Empathie getrennt erfasst und zugleich für die Anwendung im beruflichen Kontext geeignet ist.
Quellen: Davis, M. H. (1980). A multidimensional approach to individual differences in empathy. JSAS Catalog of Selected Documents in Psychology, 10, 85. | Jolliffe, D., & Farrington, D. P. (2006). Development and validation of the Basic Empathy Scale. Journal of Adolescence, 29(4), 589–611. https://doi.org/10.1016/j.adolescence.2005.08.010
Kann man Empathie lernen? Was sich wirklich trainieren lässt
Ja, Empathie lässt sich zumindest teilweise entwickeln. Sie ist keine Fähigkeit, die bei einem Menschen entweder vorhanden ist oder für immer fehlt. Gleichzeitig wäre es falsch zu versprechen, jeder könne durch einige Übungen beliebig empathisch werden. Die drei Arten der Empathie lassen sich zudem nicht auf dieselbe Weise trainieren.
Bevor ein Training sinnvoll beginnen kann, müssen jedoch zwei Voraussetzungen erfüllt sein. Die erste ist ein aufrichtiges Interesse an anderen Menschen. Wer gar nicht wissen will, was andere fühlen, denken oder warum sie so reagieren, wird empathische Fähigkeiten kaum nachhaltig entwickeln. Empathie beginnt mit der Bereitschaft, die eigene Sichtweise vorübergehend zurückzustellen und sich ernsthaft mit dem Erleben anderer Menschen zu beschäftigen.
Die zweite Voraussetzung ist eine valide Diagnose. Wer Empathie gezielt weiterentwickeln will, muss zunächst wissen, wo die eigenen Stärken und Schwächen liegen: beim Mitfühlen, beim Erkennen und Verstehen fremder Gefühle oder beim Erfassen dessen, was in Teams, Organisationen oder anderen Gruppen geschieht.
Das Prinzip ist dasselbe wie in der Medizin: Ohne eine valide Diagnose lassen sich wirksame Maßnahmen nicht gezielt auswählen. Übertragen auf die Entwicklung von Empathie bedeutet das: Ohne zuverlässige Diagnose der individuellen Stärken und Schwächen bleibt ein Training weitgehend unspezifisch. Der Gießener Empathie-Test (GET) wurde genau für diese differenzierte Diagnose entwickelt.
Erst danach stellt sich die Frage: Was soll sich eigentlich verbessern? Soll jemand stärker mitfühlen, Gefühle anderer zuverlässiger verstehen oder besser erkennen, was in Teams, Organisationen oder anderen Gruppen geschieht? Je genauer die Schwäche beschrieben wird, desto gezielter kann daran gearbeitet werden.
Empathie ist veränderbar – aber nicht durch einen einfachen Trick
Empathische Fähigkeiten beruhen auf einem Zusammenspiel von Wahrnehmung, Erfahrung, Aufmerksamkeit, Denken und emotionaler Reaktion. Diese Fähigkeiten können sich durch Lernen und wiederholte Erfahrung verändern. Genau deshalb ist Empathie grundsätzlich trainierbar.
Das bedeutet jedoch nicht, dass alle Menschen nach demselben Training das gleiche Ergebnis erreichen. Ein Teil der emotionalen Reaktionsbereitschaft ist relativ stabil. Wer beispielsweise sehr stark auf die Gefühle anderer reagiert, braucht häufig nicht noch mehr Mitgefühl, sondern eher eine bessere Abgrenzung und Selbststeuerung.
Bei kognitiver und sozialer Empathie ist der Lernanteil besonders deutlich. Man kann lernen, genauer zuzuhören, Mimik und Tonfall bewusster wahrzunehmen, nach den Ursachen einer Reaktion zu fragen und eigene Interpretationen zu überprüfen. Ebenso lässt sich trainieren, in Teams darauf zu achten, wer Einfluss besitzt, welche unausgesprochenen Regeln gelten und wodurch sich die Stimmung verändert.
Das Ziel lautet daher nicht „mehr Empathie um jeden Preis“. Sinnvoller ist es, diejenigen empathischen Fähigkeiten zu verbessern, die für eine konkrete Aufgabe oder Beziehung tatsächlich benötigt werden. Diese Unterscheidung ist auch für Coaching und Führungskräfteentwicklung wichtig: Ein Empathie-Training sollte möglichst mit einem differenzierten Profil beginnen und nicht mit der pauschalen Annahme, jeder müsse stärker mitfühlen.
Was lässt sich bei emotionaler, kognitiver und sozialer Empathie trainieren?
Bei der emotionalen Empathie geht es vor allem darum, die eigene Reaktion auf die Gefühle anderer bewusst wahrzunehmen. Wer wenig emotionale Resonanz erlebt, kann seine Aufmerksamkeit stärker auf Gefühlsausdruck, Stimme und Verhalten des Gegenübers richten. Wer dagegen sehr intensiv mitfühlt, sollte lernen, fremde Gefühle wahrzunehmen, ohne sie vollständig zu den eigenen zu machen.
Kognitive Empathie lässt sich besonders durch genaues Beobachten, Nachfragen und Überprüfen eigener Vermutungen verbessern. Statt beispielsweise anzunehmen: „Der Mitarbeiter ist unmotiviert“, lautet die empathischere Frage: „Was könnte erklären, dass er heute zurückhaltender reagiert als sonst?“ Die eigene Vermutung wird anschließend nicht als Tatsache behandelt, sondern im Gespräch überprüft.
Bei der sozialen Empathie erweitert sich der Blick auf mehrere Menschen. Trainierbar ist beispielsweise die Aufmerksamkeit für folgende Fragen:
- Wer beeinflusst die Meinung der anderen, auch ohne formale Macht zu besitzen?
- Wer wird häufig gehört – und wer kaum?
- Welche Regeln gelten offenbar, obwohl sie nirgendwo festgeschrieben sind?
- Wann verändert sich die Stimmung während einer Besprechung?
- Welche Aussage oder welches Verhalten hat diese Veränderung ausgelöst?
Wer solche Beobachtungen regelmäßig macht und anschließend mit dem tatsächlichen Verlauf vergleicht, verbessert schrittweise sein Gespür für Gruppen und deren Reaktionen.
Fünf Wege, Empathie im Alltag gezielt zu verbessern
Für die Praxis sind keine komplizierten Übungen erforderlich. Wichtiger ist, wenige Verhaltensweisen konsequent anzuwenden und anschließend zu prüfen, ob die eigene Einschätzung tatsächlich zutreffend war.
- Erst beobachten, dann erklären.
Trennen Sie zunächst die Beobachtung von Ihrer Interpretation. „Er spricht kaum und schaut häufig auf den Tisch“ ist eine Beobachtung. „Er ist desinteressiert“ ist bereits eine Interpretation – und kann falsch sein. - Vermutungen durch Fragen überprüfen.
Wer empathisch sein will, muss nicht Gedanken lesen können. Eine einfache Rückfrage ist häufig zuverlässiger: „Ich habe den Eindruck, dass Sie mit der Lösung noch nicht zufrieden sind. Täusche ich mich?“ - Auf Veränderungen achten.
Interessant ist häufig nicht nur, wie jemand wirkt, sondern wann sich seine Stimmung verändert. Welche Aussage führte zu Zustimmung, Rückzug, Ärger oder Begeisterung? - Bei mehreren Menschen das Ganze beobachten.
In einer Besprechung sollte man nicht nur auf den jeweiligen Sprecher achten. Wer stimmt sichtbar zu? Wer zieht sich zurück? Auf wen schauen die anderen, bevor sie sich äußern? So wird soziale Empathie konkret trainiert. - Die eigene Einschätzung später überprüfen.
Lernen entsteht durch Rückmeldung. Wer regelmäßig prüft, ob seine Vermutung über Gefühle, Motive oder Reaktionen tatsächlich zutraf, kann seine Menschenkenntnis schrittweise verbessern.
Die wichtigste Regel: Empathie-Training bedeutet nicht, in jeder Situation stärker mitzufühlen. Manchmal ist Mitgefühl hilfreich, manchmal eine präzise Rückfrage, manchmal das Erkennen dessen, was in einer Gruppe geschieht – und manchmal eine klare Grenze. Wirksam wird Empathie, wenn Verstehen zu angemessenem Verhalten führt.
Was unsere Forschung zur Empathie zeigt
Empathie gilt häufig als eine Fähigkeit, von der möglichst viel automatisch möglichst gut sei. Unsere Forschung zeichnet ein differenzierteres Bild. Die zentrale Erkenntnis lautet: Empathie allein macht weder automatisch erfolgreich noch glücklich. Entscheidend ist vielmehr, was Menschen mit ihrem Verständnis für andere anfangen.
Das Forschungsprojekt des Instituts für Management-Innovation umfasst mehr als 20.000 Testergebnisse von Fach- und Führungskräften. Die Auswertungen zeigen, dass reine Empathiefähigkeit nicht automatisch mit klassischen Erfolgsindikatoren wie Lebenszufriedenheit, Zielerreichung, Führungserfolg oder Karrierefortschritt zusammenhängt. Empathie entfaltet ihren Nutzen vor allem dann, wenn sie dazu beiträgt, Vertrauen aufzubauen und stabile, tragfähige Beziehungen zu entwickeln.
Überraschend: Empathie allein ist kein Erfolgsfaktor
Wer andere Menschen gut versteht, verfügt zunächst über einen Informationsvorteil. Er erkennt Gefühle, Motive und mögliche Reaktionen früher und kann sein eigenes Verhalten darauf einstellen. Aber aus diesem Verständnis entsteht noch kein Erfolg.
Ein Mensch kann beispielsweise sehr genau erkennen, was sein Gegenüber bewegt, und dieses Wissen trotzdem eigennützig, manipulativ oder ungeschickt einsetzen. Umgekehrt kann sehr starke emotionale Empathie dazu führen, dass fremde Gefühle die eigene Entscheidung zu stark beeinflussen.
Deshalb ist die Aussage „Je empathischer, desto erfolgreicher“ wissenschaftlich nicht haltbar. Das Buch Empathie in der Führung fasst das Ergebnis ausdrücklich so zusammen: Empathie ist kein Selbstzweck. Sie wirkt erst im Zusammenspiel mit weiteren Fähigkeiten wie klarer Kommunikation, Selbststeuerung, Zielorientierung und verantwortlichem Handeln.
Die zentrale Erkenntnis: Nicht die höchste Empathie entscheidet über Erfolg, sondern die Fähigkeit, Empathie so einzusetzen, dass daraus Vertrauen, Verlässlichkeit und tragfähige Beziehungen entstehen.
Entscheidend sind Vertrauen und tragfähige Beziehungen
Vertrauen entsteht nicht dadurch, dass jemand andere Menschen besonders gut analysieren kann. Es entsteht durch wiederholte Erfahrungen: Jemand hört zu, handelt fair, hält Zusagen ein, spricht Probleme offen an und bleibt auch dann respektvoll, wenn Interessen auseinandergehen.
Empathie kann diese Verhaltensweisen erleichtern. Wer erkennt, was einen anderen beschäftigt, kann angemessener reagieren, Missverständnisse früher klären und Konflikte gezielter ansprechen. Doch Empathie ersetzt weder Verlässlichkeit noch Klarheit oder Verantwortungsbereitschaft.
Genau deshalb ist die Qualität der Beziehung wichtiger als Empathie allein. Die bisherige Forschung des Instituts zeigt: Empathie wirkt vor allem indirekt – über Vertrauen, offene Kommunikation, Zusammenarbeit und gegenseitigen Respekt.
Dieser Zusammenhang ist auch wirtschaftlich relevant. Wichtige Informationen stehen selten vollständig in Datenbanken, Berichten oder Kennzahlen. Erfahrungswissen, Zweifel, informelle Einschätzungen oder frühe Warnsignale sind häufig an Menschen gebunden. Wer vertrauensvolle Beziehungen besitzt, erhält eher Zugang zu solchen Informationen. Das kann helfen, bessere Entscheidungen zu treffen, Konflikte früher zu erkennen oder Veränderungen realistischer einzuschätzen.
Mehr als zehn Jahre Forschung, Praxis und Validierung
Die Erkenntnisse beruhen nicht auf einer einzelnen Befragung. Der Gießener Empathie-Test wurde über einen Zeitraum von rund zehn Jahren schrittweise entwickelt und in unterschiedlichen beruflichen Zusammenhängen eingesetzt. Dazu gehörten unter anderem Führungskräfteentwicklung, Coaching, Potenzialanalysen, Assessment-Verfahren und 360-Grad-Feedback.
Im gesamten Entwicklungsprogramm wurden 28.806 Datensätze erhoben. Für die finale Validierung des heutigen GET standen 1.971 vollständig auswertbare Fälle zur Verfügung. Die drei Skalen erreichten interne Konsistenzen von α = .851 für emotionale Empathie, α = .838 für kognitive Empathie und α = .846 für soziale Empathie.
Damit verbindet das Forschungsprogramm drei Ebenen: die systematische Ableitung der Inhalte aus bestehenden Empathie-Verfahren, die psychometrische Validierung des GET und die langjährige Anwendung in der beruflichen Praxis.
Wissenschaftliche Dokumentation
Die Entwicklung und Validierung des Gießener Empathie-Tests sowie die empirischen Ergebnisse zum Zusammenhang von Empathie, Beziehungen und Erfolg werden ausführlich dokumentiert in:
Pelz, W. (2026). Empathie in der Führung: Wie Sie Vertrauen aufbauen und Beziehungen stärken. Springer Gabler.
Pelz, W. (2026). Entwicklung und Validierung des Gießener Empathie-Tests (GET). Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.21133645
Empathie – die wichtigsten Fragen und Antworten
Empathie wird häufig mit Mitgefühl, Menschenkenntnis oder Freundlichkeit gleichgesetzt. Tatsächlich ist der Begriff umfassender. Die folgenden Antworten fassen die wichtigsten Ergebnisse dieser Seite noch einmal kurz zusammen.
Was ist Empathie einfach erklärt?
Empathie ist die Fähigkeit, nachzuempfinden, was andere fühlen, zu verstehen, warum sie so reagieren, und einzuschätzen, was in Gruppen oder Teams geschieht. Dazu gehören emotionale, kognitive und soziale Empathie.
Empathie bedeutet dabei nicht automatisch Zustimmung oder Mitgefühl. Man kann verstehen, warum jemand enttäuscht, verärgert oder ängstlich reagiert, ohne seine Meinung zu teilen oder sein Verhalten gutzuheißen.
Welche drei Arten der Empathie gibt es?
Im Gießener Empathie-Modell werden drei Dimensionen unterschieden:
- Emotionale Empathie: Die Gefühle anderer Menschen berühren uns und werden teilweise mitgefühlt.
- Kognitive Empathie: Wir erkennen und verstehen die Gefühlslage, Motive und möglichen Reaktionen eines anderen Menschen.
- Soziale Empathie: Wir erkennen beispielsweise, wer in einer Gruppe Einfluss hat, welche unausgesprochenen Regeln gelten und wann sich die Stimmung verändert.
Die drei Fähigkeiten können unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Deshalb sagt ein einziger allgemeiner Empathiewert oft weniger aus als ein differenziertes Profil.
Woran erkennt man empathische Menschen?
Empathische Menschen erkennt man weniger daran, dass sie besonders freundlich erscheinen, sondern daran, wie genau sie andere wahrnehmen. Sie hören aufmerksam zu, fragen nach, bemerken Veränderungen in Stimme, Mimik oder Verhalten und prüfen ihre Vermutungen, bevor sie urteilen.
Ein besonders wichtiges Merkmal lautet: Verstehen ist nicht dasselbe wie Zustimmen. Empathie ermöglicht es, eine fremde Reaktion nachzuvollziehen, ohne deshalb die eigene Position aufzugeben.
Kann man Empathie lernen?
Ja. Vor allem kognitive und soziale Empathie lassen sich durch Beobachtung, Nachfragen, Rückmeldung und Erfahrung weiterentwickeln. Auch der Umgang mit der eigenen emotionalen Reaktion kann trainiert werden.
Zwei Voraussetzungen sind jedoch besonders wichtig: aufrichtiges Interesse an anderen Menschen und eine valide Diagnose der eigenen Stärken und Schwächen. Wer gar nicht wissen möchte, was andere bewegt, wird Empathie kaum nachhaltig entwickeln. Und wer nicht weiß, welche empathische Fähigkeit schwächer ausgeprägt ist, kann Entwicklungsmaßnahmen nur unspezifisch auswählen.
Kann man Empathie messen?
Ja, vorausgesetzt, das eingesetzte Verfahren erfüllt wissenschaftliche Gütekriterien. Ein seriöser Test sollte objektiv, zuverlässig und valide sein und unterschiedliche Teilbereiche der Empathie getrennt erfassen.
Der Gießener Empathie-Test (GET) unterscheidet emotionale, kognitive und soziale Empathie. Seine Entwicklung und Validierung sind ausführlich im Buch Empathie in der Führung sowie in einer eigenständigen Validierungsstudie dokumentiert.
Kann zu viel Empathie schaden?
Ja – vor allem dann, wenn einzelne Formen sehr stark ausgeprägt sind oder Empathie unkritisch mit moralisch gutem Verhalten gleichgesetzt wird. Sehr hohe emotionale Empathie kann beispielsweise dazu führen, dass fremde Gefühle die eigene Stimmung stark beeinflussen.
Kognitive Empathie wiederum ermöglicht ein genaues Verständnis anderer Menschen, kann aber auch strategisch oder manipulativ genutzt werden. Deshalb ist nicht möglichst viel Empathie das Ziel, sondern ein angemessener Umgang mit den eigenen empathischen Fähigkeiten.
Zentrale wissenschaftliche Arbeiten zur Empathie
Zu den grundlegenden Arbeiten gehören insbesondere Studien und Modelle, die Empathie als mehrdimensionales Konstrukt untersuchen. Dazu zählen der Interpersonal Reactivity Index (IRI) von Davis, Arbeiten zur funktionalen Architektur der Empathie von Decety und Jackson, die Basic Empathy Scale (BES) von Jolliffe und Farrington, Forschung zur interpersonellen Sensitivität von Hall und Bernieri sowie Segals Konzept der sozialen Empathie. Neuere Beiträge, etwa von Jamil Zaki, beschäftigen sich zusätzlich mit der Frage, wie empathische Fähigkeiten auch unter schwierigen Bedingungen erhalten werden können.
- Breithaupt, F. (2017). Die dunkle Seite der Empathie. Suhrkamp Verlag.
- Davis, M. H. (1980). A multidimensional approach to individual differences in empathy. JSAS Catalog of Selected Documents in Psychology, 10, 85.
- Decety, J., & Jackson, P. L. (2004). The functional architecture of human empathy. Behavioral and Cognitive Neuroscience Reviews, 3(2), 71–100.
- Hall, J. A., & Bernieri, F. J. (Eds.). (2001). Interpersonal sensitivity: Theory and measurement. Psychology Press.
- Jolliffe, D., & Farrington, D. P. (2006). Development and validation of the Basic Empathy Scale. Journal of Adolescence, 29(4), 589–611. https://doi.org/10.1016/j.adolescence.2005.08.010
- Segal, E. A. (2018). Social Empathy: The Art of Understanding Others. Columbia University Press.
- Zaki, J. (2024). How to sustain your empathy in difficult times. Harvard Business Review, 102(1), 114–121. Product No. R2401C-PDF-ENG.
Autor und Forschungsprojekt
Diese Seite basiert nicht nur auf einer Zusammenfassung der Fachliteratur, sondern auf einem langjährigen eigenen Forschungs- und Entwicklungsprojekt zur Empathie. Daraus entstanden der Gießener Empathie-Test (GET), mehrere empirische Studien sowie das Buch Empathie in der Führung.
Prof. Dr. Waldemar Pelz
Prof. Dr. Waldemar Pelz ist Professor für Internationales Management und Geschäftsführer des Instituts für Management-Innovation, einer Ausgründung aus der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM).
Vor seiner wissenschaftlichen Tätigkeit war er mehr als 15 Jahre als Unternehmer sowie in internationalen Aufgaben in Marketing, Vertrieb und Führungskräfteentwicklung tätig. Diese Verbindung von Forschung und Unternehmenspraxis prägt auch die Entwicklung des Gießener Empathie-Tests: Empathie sollte nicht nur theoretisch beschrieben, sondern messbar, verständlich und für konkrete Entwicklungsmaßnahmen nutzbar gemacht werden.
Zu seinen Veröffentlichungen gehören wissenschaftliche, journalistische und praxisbezogene Arbeiten zu Führung, Persönlichkeit, Motivation, Umsetzungskompetenz und Empathie. Die Forschung zur Empathie wurde 2026 unter anderem im Springer-Gabler-Buch Empathie in der Führung: Wie Sie Vertrauen aufbauen und Beziehungen stärken sowie in mehreren Zenodo-Publikationen dokumentiert.
Vom THM-Forschungsprojekt zum Gießener Empathie-Test
Die Entwicklung des heutigen Gießener Empathie-Tests (GET) begann im Umfeld der Technischen Hochschule Mittelhessen und wurde anschließend über mehr als zehn Jahre in Forschung und Unternehmenspraxis weitergeführt.
Ein früher Schritt war die systematische Analyse von 61 deutschsprachigen Testverfahren zu Empathie und verwandten Fähigkeiten. Daraus wurden die zentralen Inhalte emotionaler, kognitiver und sozialer Empathie abgeleitet. Die frühen Testfassungen trugen noch die Bezeichnung GIE; aus ihnen entwickelte sich später der heutige GET.
Im gesamten Entwicklungsprogramm wurden 28.806 Datensätze erhoben. Die finale psychometrische Validierung des GET basiert auf 1.971 vollständig auswertbaren Fällen. Die drei Skalen für emotionale, kognitive und soziale Empathie erreichten dabei hohe interne Konsistenzen.
Der Test wurde nicht ausschließlich unter Laborbedingungen entwickelt. Er wurde unter anderem in Führungskräfteentwicklung, Coaching, Potenzialanalysen, Assessment-Verfahren und 360-Grad-Feedback eingesetzt und weiterentwickelt. Dadurch konnten wissenschaftliche Gütekriterien mit Anforderungen aus der beruflichen Praxis verbunden werden.
Weiterführende wissenschaftliche Nachweise
Definition von Empathie:
Pelz, W. (2026). Was ist Empathie? Definitionen abgeleitet aus 61 deutschsprachigen Testverfahren. Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.21854239
Validierung des GET:
Pelz, W. (2026). Entwicklung und Validierung des Gießener Empathie-Tests (GET). Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.21133645
Buch:
Pelz, W. (2026). Empathie in der Führung: Wie Sie Vertrauen aufbauen und Beziehungen stärken. Springer Gabler.